Silke Helfrich (links) bei der Eröffnungsveranstaltung der SOLIKON 2015 (re. Ursula Sladek (Stromrebellen) Foto: ax
Bild: Silke Helfrich (links) bei der Eröffnungsveranstaltung der SOLIKON 2015 (re. Ursula Sladek (Stromrebellen) Foto: ax

Wir können auch anders!

Berlin im Zeichen des Wandels

Die Welt der Solidarischen Ökonomie ist eine Welt von Abkürzungen, die ich bisher auch nicht mühelos buchstabieren konnte. Hier auf dem Solikon, der Jahrestagung der Solidarischen Ökonomie in Berlin, lerne ich einige davon kennen. solikon2015.orgDie Wichtigste ist RIPESS, Résau Intercontinental de Promotion de l’Économie Sociale Solidaire: Internationales Netzwerk zur Förderung einer solidarischen Ökonomie. Es ist eine weltweite Bewegung, für eine Wirtschaft in der der Mensch und der Schutz der Umwelt im Mittelpunkt steht, mit eigenen Organisationen für Europa und in fast allen europäischen Ländern.

Wir lassen tausend Blumen blühen

Clarita Müller-Plantenberg begrüßt die Besucher des Kongresses im großen Hörsaal der TU Berlin. „Solidarische Ökonomie“, sagt sie, „das sind die vielen Initiativen, Projekte und Unternehmen, die die Prinzipien der Demokratie, Gemeinwohlorientierung, ökologischen Bewusstseins teilen. Es geht darum solidarisch zu leben, zu arbeiten, zu konsumieren und zu finanzieren. Wir arbeiten in sehr unterschiedlichen Ländern, aber allen stehen der Erhalt der Umwelt, des Bodens und der Klimaschutz an erstere Stelle. Was uns auch noch verbindet, ist der Mut und die Fähigkeit, auch praktische Schritte auf diesem Weg zu machen.“

Anschließend begrüßt sie Gäste aus aller Welt, darunter auch Paul Singer, der die Bewegung für Solidarökonomie in Brasiliens vertritt und  über den in Wikipedia schreibt: „Seit 2003 leitet er als Staatssekretär im brasilianischen Arbeitsministerium das Nationale Sekretariat für Solidarische Ökonomie. In seiner Funktion schafft er die Rahmenbedingungen für den Aufbau der regionalen Ökonomie. Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten und Parteien unterstützen diesen Aufbauprozess landesweit.“ Juliette Meadel von RIPESS Europe erinnerte die Zuhörer an die täglich stattfindenden sozialen und ökologischen Katastrophen in der Welt und in Europa, zu denen es aber sehr gute Alternativen gebe. Wenn die Zivilgesellschaft sich nicht einmische, so ihre Botschaft, würden die Eliten die Welt zugrunde richten.

Christine Ax
Paul Mason (Foto: cax)

Paul Mason: Weniger Arbeiten und die Arbeit fairteilen 

Der britische Journalist und Autor Paul Mason, der sich selber als „Mainstream-Journalist“ bezeichnet und mit seinem Buch über die Zeit nach dem Kapitalismus von sich reden macht, erläuterte kurz darauf seine Sicht auf die Zukunft des Kapitalismus. Vor allem die Digitalisierung werde die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt und in der Wirtschaft dramatisch verändern. Privateigentum könne in Zukunft keine so große Rolle mehr spielen. Parallelwährungen, kollaboratives Wirtschaften werde immer wichtiger werden. Aus der Asche der internationalen Finanzkrise werde eine neue Gesellschaft erbaut werden, die sozialer und nachhaltiger sei. In seinem Buch fordert er eine C02-arme Gesellschaft, eine Regulierung der Finanzmärkte und eine faire Verteilung von Arbeit. Mason: „Wir können für die Umwelt nichts Besseres tun, als weniger zu arbeiten und die Arbeit fair zu verteilen.“ Das Gesellschaftsmodell, das ihm vorschwebe, sei aber eine nicht-hierarchische und auf einem freien Individuum beruhende Gesellschaft.

Ursula Sladek, die gemeinsam mit ihrem Mann Michael die treibende Kraft hinter den „Schönauer Stromrebellen“ ist, eine Bürgerinitiative, die vor zehn Jahren, am 1. Juli 1997, das Stromnetz ihrer Stadt in Eigenregie übernahmen, sorgte für eine sehr anschauliche Illustrierung dessen, was solidarische Ökonomie kann. Sie kritisierte, dass es inzwischen den Kommunen und Bürgerinnen immer schwerer gemacht werde, ihre Stromversorgung selber in die Hand zu nehmen und berichtete von ihrer Verfassungsklage: „Wir hoffen, dass wir gute Chancen haben, daran etwas zu ändern, denn die Verfassung garantiert den Kommunen ihre Autonomie in Fragen der Daseinsvorsorge“.

Der Wandel darf auch Spaß machen

Christoph Bautz erinnerte an die Bedeutung von Bürgerprotesten. Man brauche nicht nur Visionäre und Pioniere, sondern auch Menschen die auf die Straße gehen und die Machtfrage stellen. Dass sich in Garzweiler 1500 junge Leute mit der Aktion „Ende Gelände“ den Baggern in den Weg stellten, sei ein gutes Zeichen. Barbara Muraca, eine Ikone der De-Growth Bewegung, beschrieb die solidarische Ökonomie als „Werkstätten der Befreiung“, als die Freiräume in denen wir kollektiv unsere  Bedürfnisse neu erlernen können. Mit einem kleinen Seitenhieb gegen die Suffzienzbewegung forderte sie, nicht das Begehren zurückzudrängen, wie es das Suffizienznarrativ nahe lege: „Es geht nicht darum weniger zu wollen und weniger zu wünschen, sondern mehr zu wollen, besser zu wollen und besser zu wünschen. Erforderlich sei „die Dekolonialisierung dessen, was wir uns vorstellen können.“

Christine Ax
Silke Helfrich (li.) und Ursula Sladek (Foto: cax)

Im anschließenden Podiumsgespräch, das von Silke Helfrich moderiert wurde, war man schnell einig, dass die große Transformation auch Spaß machen darf. Ursula Sladek: „Wir haben das große Ziel in kleine Etappen unterteilt. Und immer wenn wir ein Zwischenziel erreicht haben, haben wir gefeiert. Freude muss sein.“

Mehr unter solikon2015.org

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