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Soziale Klimakatastrophe

Von Ernst Gehmacher

Um die Jahrtausendwende haben globale Organisationen, OECD und Weltbank zur wissenschaftlichen Mobilisierung gegen den Rückgang der sozialen Bindungskräfte in den modernen Gesellschaften aufgerufen, gegen die Auflösung des Kitts der Gesellschaft (cement of society) – mit dem Programm „Measuring Social Capital“. Dabei wurde auf  den neuen sozio-ökonomischen Begriff „Sozialkapital“ Bezug genommen, in dem sich die Wissenschaftsfächer von der Biologie, Neurologie, Psychologie bis zur Soziologie, Politologie und den Wirtschaftswissenschaften ganzheitlich-systemisch zusammenfinden.

Bald (OECD 2006) stellte sich heraus, dass ein einheitliches Maß für Sozialkapital über die Vielfalt und Differenz weltweiter Gemeinschaftsformen nur sehr unzulänglich funktioniert –  im Zeitvergleich geben die unterschiedlichen Indikatoren doch ein allgemeines Bild. Die sozialen Bindungen gehen zurück, über die Generationen, in der wachsenden Mobilität und Wissensbildung, in der Emanzipation und Selbständigkeit, im zunehmenden Individualismus.

Pessimistische Warnungen prägten den Begriff „soziale Klimakatastrophe“. Der Vergleich mit der prophezeiten katastrophalen „Erderwärmung“ durch die moderne Massen-Zivilisation liegt nahe. Beide beobachtbaren Veränderungen sind so vernetzt und so kompliziert, dass auch die moderne Wissenschaft nicht sicher ist, was da eigentlich vor sich geht und wie man die Apokalypse vermeiden kann – wenn sie kommt. Und wenn schon die Bedrohung nicht ganz negiert werden kann, dann tröstet noch der Optimismus, der technische Fortschritt werde auch dieses Problem lösen. Bei der Erderwärmung versprechen Energietechnik und Massenmobilität die Anpassung an ein neues Klima. Und die Auflösung der sozialen Bindungen wird ja heute schon mit eMail und iPhone zum Quantensprung in eine Techno-Gesellschaft der vernetzten Einsamkeit genutzt.

Da stehen nun – schon wieder einmal – drei Glaubensrichtungen einander gegenüber: die phlegmatischen Traditionalisten, die pessimistischen Warner, die Fortschritts-Optimisten – das Weiterwursteln in Apathie, die Revolution in Panik, die Mechanisierung in Hektik. So ist es in der Geschichte immer zu den Zyklen von Krise, Krieg, Katastrophe und Innovation gekommen.

Doch hat das reale Wissen in der modernen Zivilisation ein Niveau erreicht, das solche Glaubens-Temperamente durch eine wissenschaftlich fundierte Einsicht  in die komplexe Ganzheit der Natur ersetzen könnte, sowohl des meteorologischen wie des sozialen Kosmos.

Und da verweist die junge Sozialkapital-Theorie auf einige Gesetzmäßigkeiten, die für die Erklärung wie für die Bewältigung der „sozialen Klimakatastrophe“ wesentlich sind:

  • Soziale Bindungen sind psycho-somatische Grundbedürfnisse, Mangel und Stress in den Beziehungen machen unglücklich und krank.
  • Enge Nahbeziehungen, ein breiter Geselligkeitskreis und eine geistige Sinngemeinschaft können einander nicht ersetzen – alle drei werden, wenn sie fehlen, individuell und kollektiv, oft verzweifelt und verwirrt, gesucht: in Sucht, Sekten und Symbolen.
  • Liebe, Kameradschaft, Glauben, die Gefühlskräfte der Mikro-, Meso- und Makro-Gemeinschaft, sind die stärksten persönlichen Motivatoren und gesellschaftlichen Triebkräfte – dafür ist man im Extremfall bereit, sein Leben zu opfern: alle gesellschaftlichen Systeme, von den Imperien und Ideologien bis zu den Personalmanagern, Unterhaltungskünstlern und Verführerinnen nutzen sie.
  • Soziale Energie ist auch Sprengstoff – zum Krieg, aber auch zum Durchbruch ins Neue.
  • Hunger und Überfütterung machen auch bei Sozialkapital auf die Dauer krank – eine stete Balance zwischen Zuwenig und Zuviel ist das Heilsrezept: das gilt für jeden Menschen und für jede Gemeinschaft, und solches Maßhalten und Probieren erfordert Maßnehmen und Probieren, gemeinsam auf allen Ebenen von unten her (bottom-up).

Zu dem Ziel, die sozialen Energien zu messen und lernend zu bändigen, ja, zu optimieren, wird mit der Beistellung objektiver Messtechniken und dem Erfolg gezielter Selbststeuerung heute ein Weg geöffnet. Und das gilt für die Vermeidung beider „Klimakatastrophen“, die in der Realität eng miteinander verbunden sind.

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