21. Juli 2016  /// Gesellschaft Umwelt

Umwelt- und klimabedingte Migrationsdynamiken

In den vergangenen Jahren rückten die Termini „Umweltmigration“ und „Klimaflucht“ immer stärker in das Zentrum der Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit, stellen jedoch bis dato umstrittene Begrifflichkeiten dar. Dieser Artikel beleuchtet die herausfordernde Komplexität der Ursachen und Motive, nachvollziehbare Push- und Pull-Faktoren, bestehende Szenarien sowie ausgewählte Beispiele weltweit, die zeigen, dass Migration als Antwort auf negative Klimawandelfolgen und Umweltveränderungen zu beobachten ist.

Multikausale Phänomene als Herausforderung

Eine große Herausforderung ist die Komplexität der Ursachen und Motive ökologisch motivierter Wanderungsbewegungen. So existieren zwar zahlreiche theoretische Erklärungsversuche in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion. Die Praxis bringt jedoch vielerorts die Erkenntnis mit sich, dass es sich in der Regel um multikausale Phänomene handelt, bei denen Ursachen und Motive nur schwer bzw. unmöglich isoliert auszumachen sind. Dieser Umstand trifft insbesondere auf schleichende Umweltveränderungen (z.B. Wüstenbildung, Meeresspiegelanstieg) zu. Im Gegenteil dazu, sind jene Veränderungen zu unterscheiden, die plötzlich auftreten (z.B. Überflutung aufgrund starker Regenfälle, Erdbeben). Für gewöhnlich sind bei plötzlich auftretenden Ereignissen Migrationsursachen und -motive einfacher nachzuvollziehen. Daher gilt: negative Klimawandelfolgen sowie Umweltveränderungen sind selten die alleinigen Auslöser für Migration. Es sollten stets sozio-ökonomische Faktoren kontextabhängig in die Betrachtung einbezogen werden.

Faktoren für umwelt- und klimabedingte Migration

Zu den Push-Faktoren – also negativen, migrationsauslösenden Faktoren der Abwanderungsregion bzw. -gesellschaft – von umweltbedingter Migration zählen

  • Deposition/Verunreinigung (toxische Unfälle, radioaktive Verunreinigung usw.),
  • Degradation (Wüstenbildung, Bodendegradierung usw.),
  • Umweltzerstörung aufgrund von Konflikten (Landschaftsverbrauch, Minenfelder usw.) und
  • Naturkatastrophen/Desaster (Vulkanausbruch, Erdbeben, Extremwetterereignisse usw.)

Viele dieser Aspekte werden durch den Klimawandel beeinflusst und beschleunigt. Zusätzlich zu diesen Push-Faktoren gelten insbesondere die Verwundbarkeit sowie die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften gegenüber Umweltveränderungen als beeinflussende Faktoren von Migration.

Zu den Pull-Faktoren – also positiven, „anziehenden“ Faktoren der Zielregion bzw. -gesellschaft – von umweltbedingter Migration zählen

  • ökonomische (Wohlstand, gute Verdienstmöglichkeiten usw.),
  • gesellschaftliche/soziale (persönliche Sicherheit, Bildungschancen usw.),
  • politische (Rechtssicherheit usw.) und
  • ökologische (ausreichender Ressourcenbestand, intakte Natur usw.) Faktoren.

Zusätzlich können beispielsweise finanzielle Ressourcen (z.B. Ersparnisse), persönliche Faktoren (z.B. Bildungsgrad) und soziale Netzwerke in Zielregionen als beeinflussende Faktoren für Wanderungsbewegungen betrachtet werden.

Prognosen und Szenarien

So zahlreich wie die Ursachen und Motive sowie Argumente für bzw. gegen das Konzept der Umwelt- und Klimamigration sind auch die prognostizierten Zahlen bisheriger und künftiger Szenarien umwelt- und klimabedingter Wanderungsbewegungen. Beispielsweise spricht das UNHCR (2002) von bisher rund 24 Millionen Personen, die wegen Überflutungen, Hungersnöten und Naturkatastrophen flohen. Das Norwegian Refugee Council (2014) schätzt, dass im Jahr 2013 insgesamt 22 Millionen Menschen weltweit wegen Naturkatastrophen bzw. Naturgefährdungen (Flut, Sturm, Dürre, Hitzewelle, Meeresspiegelanstieg, Wüstenbildung, Erdbeben, Tsunami, Vulkanausbruch) gezwungen waren, zu migrieren. Myers (2002) beziffert die Zahl jener Menschen, die aufgrund des Risikos von Dürren und anderen Klimawandelfolgen bis zum Jahr 2050 migrieren auf 200 Millionen. Laut Stern (2007) werden es bis 2050 rund 150 bis 200 Millionen Klimaflüchtlinge sein, die ihren Wohnort dauerhaft verlassen müssen. Christian Aid (2007) prognostiziert insgesamt 700 Millionen Flüchtlinge aufgrund der negativen Folgen des Klimawandels bis 2050. Das Global Humanitarian Forum (2009) beziffert die Zahl der Klimaflüchtlinge bis 2030 auf 78 Millionen (Hummel 2013).

Die teils stark voneinander abweichenden Berechnungen lassen die Herausforderung der Komplexität der Thematik erkennen, zeigen jedoch die gleiche Tendenz der Entwicklung: negative Klimawandelfolgen und Umweltveränderungen steigen global an und werden verstärkt Menschen zur Flucht zwingen.

Vielerorts Anpassungs- und Überlebensstrategie

Migration ist in Abhängigkeit von sozialem, ökonomischem und kulturellem Kapital in vielen Weltregionen als Anpassungsstrategie zu beobachten. Ebenso stellt sie oftmals eine von vielen Bewältigungsmaßnahmen bzw. Überlebensstrategien betroffener Personen dar. Beispiele rund um den Globus zeigen, dass Abwanderung als Strategie verstanden wird, um negativen Klimawandelfolgen und Umweltveränderungen zu begegnen.

Untersuchungen zeigen bei Subsistenzbauern und -bäuerinnen in Nordäthiopien (Region Tigray) Migration als eine häufig aufgetretene Bewältigungs- bzw. Überlebensstrategie in Zeiten der Dürreereignisse in den 1970er und 1980er Jahren. In der westafrikanischen Sahelzone, insbesondere in Regionen in Mali (Bandiagara) und Senegal (Linguére), in denen die Ernährungssicherheit aufgrund von Dürre und Landdegradation nicht gegeben ist, migrieren Menschen in relativ hoher Anzahl.

Der Klimawandel macht einzelnen Inselstaaten im Pazifik wie etwa den Carteret Inseln, Kiribati und Tuvalu schwer zu schaffen. Hier treten verstärkt negative Klimawandelfolgen wie etwa der Verlust der Landfläche, Bodenversalzung und Überschwemmungen auf. Daraus resultiert mehrfach steigende Ernährungsunsicherheit. Laut aktuellen Prognosen leben auf den 22 südpazifischen Inseln rund sieben Millionen Menschen, die vom Klimawandel betroffen sind. Viele davon werden von ihren Heimatinseln abwandern.

In Asien gelten Länder wie Thailand, Vietnam, Indonesien und die Philippinen aufgrund zukünftig vermehrt auftretender küstennaher Überflutungen als stark gefährdet. In weiten Teilen dieser Länder wird eine hohe Anzahl umweltbedingter Migrant/innen prognostiziert. Die Weltbank bezeichnet Bangladesch, Indien, Myanmar, Pakistan und die Malediven aufgrund von Trockenheit, Überflutungen, Meeresspiegelanstieg und Stürmen als Folgen des Klimawandels als stark verwundbar. So leben laut Studien auf den Malediven rund 300.000 Menschen, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind.

Konnex zu den SDGs

Im Dokument „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung“ – also den Sustainable Development Goals (SDGs) – ist zu lesen: „Wir sind uns des positiven Beitrags der Migranten zu inklusivem Wachstum und nachhaltiger Entwicklung bewusst. Wir sind uns außerdem dessen bewusst, dass die internationale Migration eine mehrdimensionale Realität von großer Bedeutung für die Entwicklung der Herkunfts-, Transit- und Zielländer ist, die kohärente und umfassende Antworten erfordert. Wir werden auf internationaler Ebene zusammenarbeiten, um eine sichere, geordnete und reguläre Migration zu gewährleisten, bei der die Menschenrechte uneingeschränkt geachtet werden und Migranten, ungeachtet ihres Migrationsstatus, Flüchtlinge und Binnenvertriebene eine humane Behandlung erfahren“. Im Zuge weltweiter politischer, sozialer, ökologischer und ökonomischer Entwicklungen können die SDGs als Orientierung und Leitlinie nachhaltiger und zukunftsfähiger Entwicklung dienen. Migration ist ein Aspekt nachhaltiger Entwicklung. Um die umwelt- und klimabedingten Ursachen zu minimieren, damit weniger Menschen abwandern (müssen) gilt es, nationale und internationale Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Millionen betroffener Menschen auf allen Kontinenten zu setzen.

Blick in die Zukunft

Die Regierungsstelle für Wissenschaft London hält fest, „dass Migration angesichts der globalen Umweltveränderungen nicht nur Teil des ‚Problems‘, sondern auch Teil der Lösung darstellen kann. Insbesondere können geplante und vereinfachte Methoden für Migrationen Menschen aus bedrohlichen Situationen retten (…) Die Kosten von Untätigkeit sind aller Wahrscheinlichkeit nach höher als die Kosten der (…) Maßnahmen, insbesondere wenn sie die Wahrscheinlichkeit problembehafteter Verdrängungen reduzieren. Wenn die Politik der Migration im Zusammenhang mit dem Umweltwandel Aufmerksamkeit schenkt, kann dies eine weitaus schlimmere und kostspieligere Situation in Zukunft verhindern“.

Aktuell laufen auf unterschiedlichen Ebenen diverse Diskussions- und Arbeitsprozesse, welche unterschiedliche Lösungs- und Verbesserungsvorschläge im Umgang mit umwelt- und klimabedingter Migration anbieten: So könnten beispielsweise ein menschenrechtlicher Ansatz zur Bewältigung bestehender Herausforderungen, die Anwendung des Vorsorge- und Verursacherprinzips bei Zuständigkeiten und Klärung bzw. Festsetzung gemeinsamer aber differenzierter Verantwortlichkeiten sowie der jeweiligen finanziellen Leistungen einzelner Staaten zum Schutz betroffener Personen im Mittelpunkt der zukünftigen nationalen und internationalen Migrationspolitiken stehen. Eine international anerkannte und rechtsgültige Definition zum Status von „Klima- und Umweltflüchtlingen“ könnte dabei ebenso eine Maßnahme sein, wie die Implementierung von rechtlichen Schutzinstrumenten und neuen Governance-Ansätzen im politischen Management sowie die Integration der Migrationspolitik in die internationale Entwicklungszusammenarbeit. Vor dem Hintergrund sicherheitspolitischer Herausforderungen der prognostizierten Migrationsdynamiken in weiten Teilen unserer Erde plädieren Expert/innen auch dafür, Klimapolitik verstärkt als Sicherheitspolitik zu verstehen und betrachten Klimaschutz als die geeignetste  präventive Maßnahme, um klimabedingte Migration zu vermeiden.

 

Literatur
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