31. August 2015  /// Textil Wirtschaft

Schatztaucherinnen: Upcycling-Mode Made in Mosambik

Man sieht es dem Haus von außen nicht an, wie so vielen in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks. Es braucht einen neuen Anstrich und der Fahrstuhl, der mich zum 5. Stock hochbringen soll, hat statt Schaltknöpfen Löcher. Doch Nelsa und Nelly Guambe leben im 5. Stock in einer „Schöner-Wohnen-mit-Recycling“-Welt: Obstpaletten mit Polstern als Sitzecke, ein Tisch aus Bohlen, eine antike Singer-Nähmaschine, Kunst aus Metallschrott.

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Fotocredit: Caroline Sieg
Heike Janssen
Fotocredit: Caroline Sieg

Die 26-jährigen Zwillingsschwestern sind inzwischen stadtbekannt, weil sie aus Altkleidern neue Lieblingsstücke designen. Links an der weißen Wand steht ein Kleiderständer mit Modellen ihrer Marke Mima-te. Keins sieht wie das andere aus: Geblümte mit Spitzenkragen, Sommerkleider mit Faltenrock, zweifarbige Etuikleider.

Ihre Kreationen kosten vor Ort ab 40 Euro aufwärts, Online sind sie etwas teurer. Solche Preise können in Maputo nur Ausländer und Reiche bezahlen: Mosambik ist eines der ärmsten Länder der Erde, verheert von einem fürchterlichen Bürgerkrieg, von dem sich das Land auch nach mehr als 20 Jahren nicht erholt hat. Weniger als einen Dollar pro Tag haben Kleinbauern, 100 Dollar gibt es in der Verwaltung.

Die Altkleider, die die Zwillinge umnähen oder bei einem Schneider ändern lassen, stammen aus Europa, Asien, den USA oder Australien. Sie kommen in Containern übers Meer und werden in Maputo von indischen Händlern an Markthändler verkauft. Diese kaufen ganze Ballen – auf eigenes Risiko, sie wissen nicht, was drinsteckt.

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„Man kann auch mal ein Designerkleid entdecken,“ sagt Nelly. Wir drängeln uns durch den Fajardo-Markt. Nelly und Nelsa stürzen sich auf die Klamotten, wie Schatztaucher ins Meer. „Wir lieben das,“ erzählt Nelsa. „Schon als Kinder haben wir mit unserer Mutter auf dem Markt Kleidung gekauft. Wir sind vier Schwestern. Unsere Eltern mussten aufs Geld achten, ihnen war unsere Ausbildung wichtiger.“

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Den Zwillingen sind beide Seiten der Altkleiderindustrie bewusst: Ein Riesengeschäft für die Großhändler. Da zählt der Profit, nicht die Qualität. Viele Menschen tragen unsere alten Klamotten und nicht Mode aus Afrika. Oft wird die einheimische Textilindustrie dadurch empfindlich gestört: Heute kaufen die meisten Afrikaner Second-Hand-Ware auf Märkten ein, und nicht afrikanische Mode. Allerdings kaufen auch nur wenige in den Läden, die Billig-Kleidung aus China anbieten. Aber Altkleider bringen auch neue Jobs. Unzählige Markthändler leben vom Verkauf der Second-Hand-Ware. Schneider machen die Stücke passend.

Trotzdem sind viele arme Menschen auf kostenlose Kleiderspenden angewiesen

Wer in Deutschland spenden möchte, solle sich aber bei der Hilfsorganisation erkundigen, wo die Kleidung hingeht, betont Nelsa. Sie sollte direkt zu den Bedürftigen oder Markthändlern gelangen. „Und bitte nur gut erhaltene Kleidung, Kaputtes vergrößert bei uns nur die Müllberge“, ergänzt Nelly.

 

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Im zweiten Stock ihrer Wohnung, eine Holztreppe höher, liegt das Atelier. Hier nähen sie, abends nach der Arbeit für eine internationale Organisation. „Man kann aus jedem Stück etwas machen“, sagt Nelly. „Wenn ein Kleid unten kaputt ist und ein anderes oben, dann kombinieren wir eben die heilen Hälften!“

Beim Nähen sehen sie die Lichter Maputos, einer boomenden Stadt, in der die Preise explodieren, seit vor einigen Jahren riesige Gas- und Kohlevorkommen entdeckt wurden. Jetzt strömen aus aller Welt Geschäftsleute herein, und selbst für hiesige Verhältnisse gut verdienende Mosambikaner können nicht mehr mithalten.

Die Schwestern machen aus der Lage das Beste. Sie verstehen ihre Produkte auch als Botschaft: Wir upcyclen Eure Kleidung und machen daraus Mode auf mosambikanisch!

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