18. November 2015  /// Bewegung Leben

Urban Farming – Selbstversorgung in der Stadt

Urban Farming ist eine weltweite Bewegung. Die Urban Seattle Farm Company im Bundesstaat Washington hat wesentlich zu ihrem Erfolg beigetragen. Ihr Gründer Colin McCrate, 35, baut seit den 90er-Jahren Bio-Gemüse an, angeregt durch Autoren wie Wendell Berry oder Eliot Coleman.

Nach dem College arbeitete er auf biologisch wirtschaftenden Farmen, unterrichtete gartenorientierte Umwelterziehung und betreute Privatgärten. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Brad Halm, 33, gründete McCrate 2007 die Seattle Urban Farm Company. Das Unternehmen legt im Auftrag seiner Kunden Gemüsegärten an. Es berät und betreut die Kunden, erzeugt aber selbst keine Marktprodukte.

Die kleine Gartenfläche der Seattle Urban Farm Company liegt in der City von Seattle. Dort befinden sich ein Gewächshaus zur Gemüse-Anzucht, eine Pflanzschule für überjährige Kräuter und eine kleine Versuchparzelle, auf der neue Sorten und Techniken ausprobiert werden. Seattle ist die größte Stadt im Nordwesten der USA und liegt umgeben von Bergen und Meer im Bundesstaat Washington. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört der Pike Place Market, ein ganzjähriger, überdacher Bauern- und Handwerkermarkt am Meer. In vielen Stadtteilen gibt es außerdem wöchentliche Bauernmärkte. Der „Farmers Market“ im Universitätsviertel mit seinem umfangreichen Bio-Angebot und Livemusik gilt als einer der besten der USA.

Martin Nolte, seinerseits auch Landwirt und Autor, hat mit Colin McCrate gesprochen.

In der Buchhandlung auf der anderen Straßenseite steht Ihr Buch „Food Grown Right, In Your Backyard“ gleich neben Michelle Obamas Buch „American Grown“. Interessiert es die Leute, dass die First Lady im Garten des Weißen Hauses Gemüse anbaut?

Colin McCrate: Ich glaube schon . . . Seit fünf oder sechs Jahren erlebt die Idee, zu Hause Nahrung zu erzeugen, ein echtes Comeback. Es ist genau zwei Generationen her, dass die Amerikaner das total aufgegeben haben. Jetzt begreifen die Leute, warum es gut für sie ist. Das ist das Fundament unserer Arbeit.

Sie machen Werbung für die Idee der Selbstversorgung in der Stadt.

Colin: Wir machen Werbung für die Idee, aber unabhängig von uns sind eine Menge Leute dahin gekommen, sie zu verwirklichen. Sie lesen das Buch von Michelle Obama oder sie lesen „Animal Vegetable Miracle“ von Barbara Kingsolver. Das ist sehr erfolgreich gewesen, ebenso wie die Bücher von Michael Pollan . . .

 . . . zum Beispiel: „Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte.“

Colin: In den letzten zehn Jahren ist eine Hand voll wirklich einflussreicher Bücher zu dem Thema erschienen. Das führte zu einer Flut von Artikeln in den Lokalzeitungen. Und plötzlich haben viele Leute die Idee, zu Hause einen Garten anzulegen.

Was ist neu an dem Wunsch, einen Garten haben zu wollen?

Colin: Als wir vor sechs Jahren unser Unternehmen gründeten, entdeckten viele Leute den Gemüsegarten für sich als wirklich neues Freizeitinteresse. Der Gedanke der Selbstversorgung war in den vierziger und fünfziger Jahren sehr weit verbreitet und kam in den siebziger und vielleicht den achtziger Jahren wieder. Aber jetzt hat man wirklich den Eindruck, dass es keine Modeerscheinung ist, sondern dass es für jüngere Leute zum individuellen Lebensstil gehört. Sie nehmen das wirklich ernst.

Und die Leute bleiben dabei?

Colin: Es ist meine eigene Erfahrung und ich sehe, dass man nicht so einfach zurück kann. Wenn ich mich einmal entschieden habe, darauf zu achten, was ich esse, dann wird mir klar, dass die Umwelt Auswirkungen auf mein Essen hat, auf meine Essensauswahl, auf meine Gesundheit. Und dann versuche ich, besser zu essen, darauf zu achten, wo mein Essen herkommt. Es wird dann schwer, zu Billignahrung zurückzukehren und sich wieder von Fast Food zu ernähren.

Sie bezeichnen Ihr Unternehmen als „Farm“ und sprechen von „Urban Farming“.

Colin: Genau genommen, ist das, was wir machen, Gartenbau. Doch ich glaube, dass das Wort Farm die Leute eher anspricht. Die Menschen, mit denen wir arbeiten, möchten sich mit der Vorstellung „Farm“ verbinden, vielleicht weil es etwas ist, das in ihrer Lebenserfahrung fehlt. In zurückliegenden Generationen gab es vielleicht Farmer in ihrer Familie. Ich glaube, sie möchten sich wieder mit dem Wort verbinden.

Das Wort „Farm“ als Zauberwort?

Colin: In Amerika sind Farmer eine absolute Randerscheinung. Es ist, als ob niemand mehr Farmer kennt. Die Leute denken nicht darüber nach, wo ihr Essen herkommt. Sie sehen es nicht. Wir hoffen, wenn wir mehr Lebensmittelerzeugung in die Städte bringen – natürlich auch Farmer – wird das Verständnis für Lebensmittel wachsen. Vielleicht auch unsere Wertschätzung für die, die draußen in den ländlichen Regionen den Großteil unserer Nahrung produzieren. In Amerika sind die Farmer unterbezahlt. Ihre Arbeit wird nicht anerkannt. Wir wollen helfen, das zu ändern.

Die Arbeit der Seattle Urban Farm wird sehr wohl anerkannt.

Colin: Wir bedienen ein anderes Segment des Marktes. Wir versuchen, die Menschen zu etwas zu befähigen, in welchem Maßstab auch immer, zum Beispiel den Garten anzulegen und zu lernen, ihn zu managen.

Sie arbeiten auch für Schulen.

Colin: Das ist eine sehr dankbare Aufgabe. Und unsere Gelegenheiten werden immer mehr. Als wir anfingen, gab es nur eine Hand voll Leute, die interessiert waren. Wir haben damals hier und da ein paar private Hochbeete aufgestellt. Jetzt gestalten wir Schulgärten und Gärten für Restaurants. Es wird immer interessanter.

Auch in den privaten Hausgärten und Hinterhöfen?

Colin: Viel von dem, was wir machen, hat damit zu tun, was die Menschen, die sich für die Stadt entschieden haben, für Lebenserfahrungen machen möchten. Es sind Menschen, die sagen: Ja, ich lebe hier, aber ich möchte aktiv etwas mit Gartenbau und Nahrung zu tun haben. Wir versuchen ihnen zu helfen, das in die Tat umzusetzen.

Und wie groß muss ein Stück Land sein, damit man es eine Farm nennen kann?

Colin: Wenn jemand findet, dass seine Kiste voll Erde eine Farm ist, was spricht dagegen, sie eine Farm zu nennen?

Interview: Martin Nolte
Martin Nolte ist Landwirt und Autor und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Die Bauernstimme. 

 

www.seattleurbanfarmco.com

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