1. Oktober 2015  /// Bewegung Gesellschaft Leben

Utopie

n21 hat Camilla Elle und Júlio do Carmo Gomes, den GründerInnen  von „UTOPIE –  Magazin für Sinn und Verstand“ gesprochen. Die Zeitschrift wird von einem gemeinnützigen Verein gestaltet. Die erste Ausgabe wurde mit Unterstützung von über vierzig Freiwilligen realisiert. UTOPIE sucht Wege zu einem neuen Umgang mit den Ressourcen,  Nachhaltigkeit und Auswegen aus dem wachstumsorientierten Wirtschaftssystem. Es beschäftigt sich mit sozialen Praxen unter der Bedingungen von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit.

n21: „In Zeiten des Internets habt ihr ein gedrucktes Magazin herausgebracht, das sich Utopie nennt und ganz der Utopie gewidmet ist. Wie kommt ihr dazu?“

Camilla Elle: „Unser Wunsch ist es, das utopische Denken auf die Tagesordnung zu setzen. Denn die eigentliche Krise der heutigen Gesellschaften ist der Verlust der Utopie(n). Wir gehen davon aus, dass ein gesellschaftliches Weiterleben wie bisher jenseits der Möglichkeiten liegt. Hier beginnt die Utopie.

Das Magazin versammelt tiefgründige und poetische Texte, die die Welt auf andere Weise vor Augen führen. Diese Wiederherstellung der Vorstellungskräfte soll zur Hand sein können und – da sie nicht als eine weitere flüchtige Meinungsansammlung gedacht ist – bleiben bis das Papier vergilbt …

Das Projekt macht betriebswirtschaftlich selbstverständlich keinen Sinn. Es ist allein aus Freiwilligenarbeit entstanden und hat zudem vor, diese Arbeitsweise beizubehalten.“

n21: „Was treibt euch an, nach all den gescheiterten utopischen Entwürfen, auf ein Neues in dieser Richtung anzutreten? Was ist eure Utopie?“

Camilla Elle: „Die Kraft der Utopie und ihr Schaffensimpuls kommen nicht von ihrer faktischen Konkretisierung aus der Zukunft her. Vielmehr kommen sie von dem Antrieb, mit dem sie die Wirklichkeit neu definiert und an sich reißt, aus der Gegenwart. Insofern verstehen wir die Utopie als einen Prozess, als die Vergegenwärtigung dessen, wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Unsere Utopie verspricht ein Weg zu Internationalismus und zu einer Debatte zu werden, die Aussichten zeigt, Lösungen denkt, Vorstellungskräfte entfesselt und die Phantasie nährt.“

n21: „Was sind eure Themen?“ 

Camilla Elle: „Unsere Leidenschaft ist es, Anschläge auf die Realität zu verüben. Das heißt, das Unvorstellbare, Unsagbare und nicht Selbstverständliche zum Ausgangspunkt zu machen.

Von hier aus thematisieren wir Projekte, Ideen und Theorien, die einen systemkritischen, sozialen und subversiven Anspruch haben, und werfen nicht zuletzt ein kritisches Auge auf die Mythen der Gegenwart, die das kapitalistische Projekt retten. Darunter die technischen Wissenschaften, die Medien, das Imperium des Rationalismus, den Liberalismus der Linken, den Fortschrittsmythos, die Leistungsgesellschaft, den Zynismus, die Kolonialisierung der Vorstellungskräfte.“

n21: „Ihr macht es euch zur Aufgabe, ein internationales Gespräch zu kreieren. Eure Website ist fünfsprachig. Was versprecht Ihr euch von diesem Ansatz, und ist das nicht sehr aufwendig für ein so kleines Projekt?“

Camilla Elle: „Einerseits wollen wir Stimmen Gehör verschaffen, die chronisch überhört werden. Die erste Ausgabe versammelt schon deshalb AutorInnen aus Spanien, Portugal, Argentinien, den USA, Frankreich und der Schweiz. Wir wollen das deutsche Gespräch damit bereichern und nationale sowie (diskurs-) kulturelle Grenzen überschreiten. Und dann geht es natürlich auch darum, eine größere Bewegung anzuschieben, einen internationalen Dialog zu ermöglichen. In anderen Kulturen und Sprachen gibt es andere Lösungen, Denkansätze und Vorstellungswelten.

Mithilfe von zahlreichen Freiwilligen übersetzen wir die Texte für die Printausgabe ins Deutsche. Das ist eine Mammutaufgabe, aber sie ist durch das Engagement all derjenigen, die sich für unsere Idee und die Texte begeistern können, möglich geworden.“

n21: „Für wen ist eure Zeitschrift gedacht? Habt ihr eine bestimmte Zielgruppe?“

Camilla Elle: „Magazin fuer Sinn & Verstand ist insofern der paradigmatische Titel, als sich Beiträge versammeln, die weder Verstand noch Sinn entbehren lassen, das heißt, sich auf das Leben selbst beziehen. Wirklichkeit ist, wovon wir abhängen und was uns treffen kann, hat Günther Anders einmal gesagt. Die Beiträge der Utopie sind im Sinne einer Weltbeteiligung verfasst, denn Wahrheit und Wirklichkeit des Denkens beweisen sich in der Praxis. Damit vertritt die Utopie ein Leseverständnis, welches die bloße Theorie hinter sich lässt. Mit dem Ziel einer neuen Radikalität und Empathie gegenüber dem Leben und der Welt. Wer sich für diesen Anspruch begeistern lässt, ist potenzielle/r LeserIn.“

n21: „Wie hat das Projekt begonnen, wer seid ihr?“

Camilla Elle: „Die Utopie hat sich in unsere Köpfe geschlichen. Aus ihrer Notwendigkeit heraus. Vor dem Hintergrund der tausendfach wiederholten Alternativlosigkeit hat sie begonnen, in uns zu arbeiten. Sie begründet sich nicht zuletzt auch aus der Ernüchterung über die eintönige Medienlandschaft, die so zahlreiche Stimmen und doch so wenig alternative Richtungen und Ausbrüche zeigt.

Ich habe mich mit der Idee für die Utopie vor mehr als zwei Jahren auf die Suche nach MitstreiterInnen gemacht. Nach sehr langer Suche bin ich durch einen Artikel auf Júlio do Carmo Gomes gestoßen. Mit ihm begann dann die unaufhaltsame Initiation des Projektes. Júlio do Carmo war Journalist und hat neben einer Buchhandlung in Porto den Verlag 7nós mitgegründet. Ich bin unter anderem Kulturwissenschaftlerin, Illustratorin und Fotografin.

In der Folge haben sich dann zahlreiche UnterstützerInnen und MitstreiterInnen eingefunden. Neben den ÜbersetzerInnen und IllustratorInnen wäre das Magazin ohne Stefanie Klein, unsere Korrektorin, Malen Zapata, die Gestalterin und Hans-Georg Reimer, den Webmaster, die allesamt ihre Freizeit für das Projekt geopfert haben, nicht möglich geworden.

n21: „Was ist die Zukunft eurer Utopie?“

Camilla Elle: „In Zukunft rechnen wir mit einem etwas größeren Team, sodass die zweite Ausgabe in die Weiten der utopischen Ozeane vordringen kann. Im besten Fall schwebt uns eine Bewegung vor. Eine Bewegung, die an Eigendynamik gewinnt und sich ausbreitet wie ein Flächenenbrand.“

n21: „Vielen Dank und wir wünschen Eurem Unternehmen viel Erfolg.“

Hier geht es zur Website des Magazins.

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