14. Juli 2015  /// Energie Politik

Hotspot Südosteuropa: Viel Neues – vorwiegend schlecht

Südosteuropa bietet eigentlich die besten Voraussetzungen für eine Energiewende, die aus macht-politischen Gründen jedoch kaum zum Zug kommt.   

An Kostenwahrheit uninteressiert

Für die Energiewende, also für den Wechsel vom fossil-atomaren System zu erneuerbar+effizient, sprechen Ökologie, Ökonomie und Sicherheit. Auf die grüne Wiese gebaut, rechnet sich unter Vollkosten (inklusive aller Folgen für eine Volkswirtschaft) heute weder ein Kohle-, noch ein Atom-, Öl- oder Gaskraftwerk.

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Dass die Windkraftnutzung auf Kreta Tradition hat, beweisen die nicht mehr ganz jungen Maschinen auf der Lasithi Hochebene. (© Wikimedia -User: Nikater)

Am Balkan, in Griechenland sowie in  der Türkei müssen Stromkapazitäten und die Wärmeversorgung teils im großen Stil neu auf-, aus- oder umgebaut werden. Hier voll auf die dezentrale Energiewende zu setzen, ist eigentlich ideal, zumal Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Erdwärme im Überfluss vorhanden sind.

Aber Regierungen machen, was mächtigen E-Konzernen gefällt, nicht was Menschen und Umwelt benötigen würden.

Beispielgebend Mazedonien

Was über das kleine Land zu berichten ist, gilt leider in etwas unterschiedlicher Ausprägung  tendenziell gleichwertig für die ganze südosteuropäische Region:

© Windenerg7.com
Die Messungen stellen die Windgeschwindigkeit im Jahresdurchschnitt (2007) für eine Nabenhöhe des Windrotors von 80 m über Grund dar. (© Windenerg7.com)

Um die Windenergie Mazedoniens zu nutzen, bestünden wirklich gute Bedingungen. Die Regierung beschränkte die Förderung per Einspeisetarife jedoch auf 100 MW bis zum Ende des Jahrzehnts. Das sind in etwa mickrige 40 Windräder.

Die Sonne leuchtet von der Landesflagge der einstigen Südprovinz Jugoslawiens mit 2 Mio. Einwohnern. Der Kleinstaat liegt auf der Höhe von Rom und Neapel. Sonnenerträge fallen daher mehr als 1 ½ mal höher aus als in Mitteleuropa. Das bedeutet: Solarstrom kann um unter 5 Cent je Kilowattstunde produziert werden. Und eine dezentrale Energieerzeugung mittels vieler Kleinanlagen erspart den Ausbau der oft schlechten Übertragungsstromnetze. Den Photovoltaik- oder einen Solarwärme-Boom sucht man jedoch vergeblich.

Dennoch tut sich viel in der mazedonischen E-Wirtschaft, maßgeblich beim Erdgas, getrieben von Initiativen des größten Konzerns Russlands, der Gazprom. Der Konzern greift der Regierung finanziell unter die Arme, um ein Gasnetz für tausende Haushalte zu errichten – künftige Dauerabhängigkeit garantiert.

Energiekrieg

Die niedrigen Ölpreise drücken auch die Gaspreise in Europa. Gazprom muss immer  mehr verkaufen, um allzu heftige Einbrüche des russischen Staatsbudgets, das unter westlichen Sanktionen und die Rubelabwertung leidet, auszugleichen.

Fossile Energieressourcen, das wird einmal mehr bewiesen, haben hochgradig politische Bedeutung – zumindest in den alten zentralistischen Energiesystemen.

Das russisch-europäische Pipeline-Projekt „South Stream“ das durch das Schwarze Meer nach Bulgarien führt ist tot. Verantwortlich: Die EU. Denn mehr als die Hälfte des russischen Erdgases kommt durch die Ukraine. Mit der South Stream wäre die Verhandlungsposition des EU-Verbündeten stark geschwächt gewesen. Also springt man ihm zur Seite: Ganz konkret: Die EU verlangt vom Pipeline-Betreiber, darin federführend wiederum der Erdgaskonzern Gazprom, den Pipelinebau öffentlich in der EU auszuschreiben. Ein No Go für Russlands Präsident Putin. Das wusste man im Voraus. Daraufhin wurde das Projekt zu Jahresbeginn von Gazprom abgeblasen.

Dass die EU ihre Energiestrategie nicht auf die Energiewende ausrichtet und lieber weiterhin von vornehmlich importierten fossil-atomaren Energien abhängt, beweisen viele Entscheidungen aus Brüssel. Darunter  die Genehmigung der Subventionen für den AKW-Neubau Hinkley Point in Großbritannien oder Ausnahmen vom EU-Wettbewerbsrecht, um EU-einheitliche Gasnetz-Einheitstarife zu ermöglichen.

Und jetzt Turkish Stream

Momentan wechseln – so scheint es – Gaspipeline-Projekte mit der politischen Großwetterlage. Und die ist bekanntlich dauernd im Fluss: Zuerst war Nabucco, dann kam South Stream, jetzt kommt Turkish Stream.

Dann gibt es noch TAP, das Teilstück via Griechenland und Albanien durch die Adria nach Italien, und das Anschlussstück TANAP über das türkische Festland in den Kaspischen Raum.

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Die TANAP, Transanatolische Pipeline führt über Land, die Turkish Stream würde von Russland kommend das Schwarze Meer durchqueren und westlich von Istanbul anlanden. (© Peter Christener)

Mehr noch: Griechenland, Bulgarien und Rumänien haben sich darauf verständigt, eine Verbindung auszubauen, die Flüssiggas von Athen/Piräus in den Balkan leitet, um im Ernstfall nicht von Ostlieferungen (aus Russland, Aserbeidschan, Iran, Türkei) abhängig zu sein. Das Gas käme aus Algerien per Schiffen, die aber erst noch gebaut werden müssen.

© Peter Welleman
Flüssiggas, LNG, zu transportieren erfordert einen hohen Energiebedarf, weil es auf -160° C gekühlt werden muss. (© Peter Welleman)

Der Infrastruktur-Aufwand, wie man sieht, ist enorm. Dezentral, dämmert es nicht nur Rechenkünstlern und Energiewirtschaftsexperten, ist ökonomisch eigentlich attraktiver und politisch sicherer. Letzteres wird kaum je in einer Energiekostenaufstellung zu finden sein, muss aber bezahlt werden – von uns.

Ökostrom und Klimaschutz in der EU?

Zwei allerletzte Beispiele: Bald wird Italien und Albanien ein Stromkabel verbinden, das Strom liefern wird – von Albanien nach Italien. Fossilstrom. Dabei ist die Versorgungssicherheit in Albanien gelinde gesagt dürftig.

Die Offshore-Gasfelder nahe Zypern werden gerade für die Ausbeutung vorbereitet. Politische Scharmützel mit der Türkei sind Alltag. Griechenland, Israel und Ägypten sind dort auf einmal Partner. Die nationalen Energiewendepläne werden so  in den Hintergrund gedrängt.

Bis vor 1 ½ Jahren boomte der Ökostromausbau in der EU. Dann wehrten sich die alteingesessenen Stromkonzerne erfolgreich dagegen, weil ihnen spürbar die Umsätze und Gewinne einbrachen. Jetzt wird nur noch halb so viel in die Stromwende investiert. Green Jobs gehen verloren aber auch das kratzt nicht weiter. Verbrauch eigenproduzierten  Sonnenstroms  wird neuerdings besteuert ( in Österreich und Deutschland) und eine Sonnensteuer soll auch bald kommen (in Spanien).

Der griechischen Wirtschaft hätte ein Energiewende-Ausbauprogramm wahrlich gut getan. Jobs wären geschaffen worden. Erfahrungsgemäß davon 1/3 Dauerarbeitsplätze. Und die inländische Wertschöpfung wäre gestiegen. Importe überflüssig geworden, was Devisen spart. Stattdessen hat Griechenland deutsche Panzer gekauft. Windräder wären ökonomisch sinnvoller gewesen.

Aber der Wagen der rollt – 5 Megatrends

Der deutsche Ökostromanbieter Lichtblick hat zusammen mit dem WWF ein neues Analysepapier mit 5 Megatrends Im Energiesektor präsentiert – Balsam auf die fossil-atomar geplagte Seele (http://www.energiewendebeschleunigen.de/fileadmin/fm-wwf/lichtblick/Megatrends-der-globalen-Energiewende.pdf ) :

Die Energiewende ist nicht mehr zu stoppen. Denn für sie sprechen zu viele grundvernünftige Fakten, wie Klimaschutz, Investitionssicherheit, Verfügbarkeit, Kostenvorteile, gesellschaftliche Akzeptanz, Auslandsunabhängigkeit und viele andere mehr.

Wann wieviel davon in Südosteuropa Fuß fassen wird, bestimmt hauptsächlich die EU, sehr wohl auch für Beitrittskandidaten wie Serbien und alle Nicht-EU-Kandidaten wie etwa Albanien. Das Feld, wie derzeit der Fall, russischen und vermehrt auch chinesischen Investoren zu überlassen, ist gelinde gesagt suboptimal.

3 Antworten zu “Hotspot Südosteuropa: Viel Neues – vorwiegend schlecht”

  1. Leider muss ich Ihnen in einem Punkt widersprechen: Kraftwerke mit 1500 Volllaststunden liefern kaum gesicherte Leistung und sind daher keine Alternative zum Ausbau des Übertragungsnetzes.

    Mit der heutigen Technologie ist eine rein dezentrale Energiewende, wie sie leider vielen vorschwebt, nicht zu schaffen. Deutschland produziert erst 5% Sonnenstrom und kann heute schon die überregionalen Lastflüsse kaum noch ohne Eingriffe beherrschen.

    Daher würde ich mir mehr Werbung für ein Supergrid wünschen. Vielleicht gibt es irgendwann erschwingliche Speicher, mit denen sich jedes Haus autark machen kann. So lange wird der Klimawandel aber leider nicht warten. Die Zeit drängt.

    • Fritz Binder-Krieglstein

      Danke für Ihren Kommentar, hier die Antwort von unserem Energie-Experten und Autor des Artikels:

      Ökonomisch ist Spitzenlast zu Mittag teuer. Gerade da punktet Solarstrom und senkt signifikant die Börsenpreise (so geschehen in D, A, CH, I, etc.). Zugleich sinkt die Spitzenbelastung des Netzes, vermindert Netzengpässe und Stromleitungen werden nicht so heiß.
      Generell gibt es einige Studien, die besagen: Je rasche dezentral in Europa Klein- bzw. Regionalversorgung per Ökostrom etabliert ist, umso rascher wird dieses neues Stromsystem versorgungssicher. Dezentrale Speicher, Sie haben recht, sind Teil dieses Ansatzes und billiger als im großen Stil Fern-Leitungen auszubauen.
      Hoffe, das war hilfreich.

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