Karin Chladek
Bild: Karin Chladek
28. April 2017  /// Umwelt

Von der March an den Amazonas: Wiederauferstehung

Kurz nach Ostern möchte ich von der Auferstehung der Natur erzählen. Häh? Bei diesen vielen akuten Krisen? Hört man nicht aus Brasilien hauptsächlich von massiver Abholzung, und sterben nicht weltweit die Bienen en masse? Ist nicht daran überall menschliches Tun schuld?

Das stimmt alles, und doch gibt es auch immer wieder überraschende, eigentlich unglaubliche Geschichten vom Wiedererscheinen verloren geglaubter Natur. Und auch daran sind Menschen wesentlich beteiligt.

Ich selbst stamme ursprünglich aus der Marchregion, dem äußersten Osten Niederösterreichs. Eine Flusslandschaft am Rande der Agrarsteppe namens Marchfeld. Noch vor zwanzig Jahren war es dort nicht selbstverständlich, See- und Kaiseradler zu sehen. Heute ist es das, und zwar täglich. Diese großen Greifvögel, ursprünglich an March und Donau heimisch, wurden von Umweltorganisationen und Wissenschaftlern wieder angesiedelt und haben sich aufgrund der vorgefundenen Bedingungen gut vermehrt. Ebenso wie eine Dohlenkolonie. Dohlen waren lange Zeit in der Region heimisch. Die älteren Männer in der Gegend waren es als Buben gewohnt, jedes Jahr junge Dohlen zu zähmen und zu behalten, bis sie flügge waren.

Foto: Karin Chladek
Foto: Karin Chladek

Auch ich erinnere mich gern daran, dass Dohlen oft zufällig durch das Fenster meiner Volksschule flatterten und dann wieder einen Ausgang suchten. Ihr typisches, für Rabenvögel helles Gezwitscher begleitete sie. In den 1980er Jahren verschwanden die meisten Dohlen aus der südlichen Marchregion. Es waren wohl die in Agrargebieten immer stärkeren Pestizide, die sie zum Verschwinden brachten. Der bekannte bayrische Ökologe und Autor Josef Reichholf nennt diesen Grund für den süddeutschen Raum. In Österreich wird es nicht anders gewesen sein.

Nun, Anfang des 21. Jahrhunderts, sind die Dohlen in meiner alten Heimatregion wieder da. Es sind nicht dieselben Individuen oder deren Nachkommen, sicher, aber die Art ist wieder da. Wie auch die See- und Kaiseradler.

Aus einer ganz anderen Region der Welt, nämlich Brasilien, kommt eine weitere Hoffnungsgeschichte. Von der Wiederkehr eines Waldes, der auch einem berühmten Fotografen neuen Mut gab und ihn zu einem großen Projekt inspirierte. Die Rede ist von Sebastião Salgado. Diesem Mann widmete ein weiterer berühmter Künstler, nämlich der deutsche Filmemacher Wim Wenders, den Film „Das Salz der Erde“. Dieser Film war 2015 für einen Oscar nominiert, aber das nur nebenbei. „Das Salz der Erde“ erzählt vom Leben des Fotografen.

Salgado wurde mit seinen Bildern von Arbeitern in einer brasilianischen Goldmine weltbekannt. Mit seinen eindrucksvollen Menschenportraits machte er sich einen Namen. Als sozial engagierten Fotoreporter zog es ihn in die Sahelzone und in den 1990ern nach Ruanda und den Kongo. Soviel Elend sah er dabei, dass es kein Wunder ist, dass sich Salgado erschöpft und ausgebrannt auf das Gut seines Vaters im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais zurückzog. Doch der üppige atlantische Regenwald, in dessen Mitte das Gut während Sebastião Salgados Kindheit noch lag, war fort. Abgeholzt. Zurück blieben nur kahle Hügel, die bald schon von Erosion gezeichnet waren. Kein schöner Anblick.

Sebastião Salgados Frau Lélia Wanick Salgado hatte die Idee, den Wald mit ursprünglich einheimischen Bäumen wieder aufzuforsten. Gesagt, getan. Im warmen Klima des nördlichen Brasilien wuchsen die Bäumchen schnell. Zwar entstand „nur“ ein sogenannter Sekundärwald – der ursprüngliche Primärwald war nun mal weg – aber immerhin. Auch die Tiere, die einen solchen Wald gern bewohnen, stellten sich ein. Das dauerte einige Jahre, aber der Wald gedieh. Heute ist die ehemalige Familienfarm der Salgados ein Naturschutzgebiet.

Foto: CC0 Public Domain

Sebastião Salgado schöpfte aus der Natur soviel Kraft, dass er gemeinsam mit seinem Sohn Juliano ein neues internationales Fotoprojekt startete: „Genesis“ widmete sich der atemberaubenden Natur, die die Erde immer noch beherbergt. Bei allen Zerstörungen und Krisen sind natürliche Landschaften und wilde Tiere immer noch erstaunlich vital. Das zeigt Salgado.

Solche Geschichten machen Hoffnung in die Regenerationsfähigkeit der Natur. Es ist nicht alles verloren, selbst, wenn es zunächst so scheint. Menschen schützen nur, was sie kennen – und vermissen. Noch nicht vermissen müssen wir zumindest in Europa die Bienen. Wir meinen sie zu kennen, doch ist das so? Selbst das Leben der Honigbienen ist vielen Menschen unbekannt, obwohl diese seit vielen hunderten Jahren von Menschen gezüchtet werden. Erst recht unbekannt sind die vielen Arten von Wildbienen, die es auch hierzulande gibt. Oder Hummeln – wer weiß schon, wie der Jahresablauf dieser großen Bestäuber ist? Mehr davon bald.

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