Bert Beyers
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23. Juli 2015  /// Ressourcen Umwelt Wirtschaft

Vorne weniger reintun

Er ist der Doyen der deutschen Umweltwissenschaft. Ein weiser alter Mann. Und ein zorniger dazu. Die deutsche Energiewende hält er für kontraproduktiv, weil sie nur einen Teil des Problems angeht, den CO2-Ausstoß, und die anderen Dimensionen des Klimawandels ausblendet. Vor allem aber, weil die Energiewende nach Schmidt-Bleek die Wirtschaft nicht ressourceneffizienter macht – im Gegenteil! Auch von Elektroautos und Hybridautos hält er herzlich wenig. Pro gefahrenen Kilometer würden sie deutlich mehr Ressourcen verbrauchen als konventionelle Benziner.

Lebensstandard wie heute, mit 1/10 der Ressourcen

„Meine Vision ist: Lasst uns einen vergleichbaren Lebensstandard wie heute mit einem Zehntel der Ressourcen schaffen“, sagt Schmidt-Bleek. Ein Zehntel des Wassers, ein Zehntel Kupfer und Stahl, ein Zehntel Kunststoff, ein Zehntel der heutigen Energie. Eine Dematerialisierung der Wirtschaft, des Lebens, des Konsums um den Faktor zehn.

Bert Beyers

Ende der 1980er vollzog Friedrich Schmidt-Bleek die Kopernikanische Wende in der Ökologie: vom Nanogramm zur Megatonne. Eine neue Sichtweise, in der es nicht mehr um die Giftigkeit einzelner Stoffe geht, sondern um die Menge, die schiere Masse. Und das kam so. Schmidt-Bleek war seinerzeit am Internationalen Institut für Angewandte Systemforschung im österreichischen Laxenburg. Dorthin schickte Gorbatschow seine Emissäre, auf der Suche nach einem Weg von der Plan- zur Marktwirtschaft. Schmidt-Bleek, der Vater des deutschen Chemikaliengesetzes, zog alle Register des nachsorgenden Umweltschutzes. Die Antwort aus dem Kreml war ein unmissverständliches Nein. „Das ist uns zu teuer. Das können wir uns nicht leisten.“

„Ich war ziemlich erschüttert damals. Denn das hieß ja, dass außerhalb der OECD-Länder kein Staat in der Lage ist, Umweltschutz zu treiben; dass mindestens 150 Länder der Erde gesagt haben: Das kannste vergessen.“ Das ganze Programm mit Filtern, Katalysatoren, Kläranlagen. Der komplette nachsorgende Umweltschutz erschien mit einem Mal als der falsche Weg. Dass man nämlich erstmal fleißig drauflos produziert und erst hinten, am Auspuff, am Schornstein, am Abwasserrohr die Schadstoffe rausholt.

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Vorne weniger reingeben, den Ressourcenverbrauch weltweit halbieren

„Und da habe ich gesagt: Da muss man in Gottes Namen vorne weniger reintun.“ Ein Gedanke, so simpel wie nur irgendwas. Schon in ihrer Geburtsstunde hatte die Idee globales Format, nämlich den Ressourcenverbrauch weltweit zu halbieren. „Wiederum so eine Dampfwalzenüberlegung. Aber Differenzieren war mir nicht möglich.“ Die Hälfte der Ressourcen weltweit; nur so, war Schmidt-Bleeks Annahme, könne man die ökologischen Systeme auf diesem Planeten stabilisieren. „Daraus ergibt sich der Faktor 10. Weil wir natürlich Raum schaffen müssen für eine materielle Expansion der nicht-reichen Länder.“ Nur ein Zehntel der Materie, des Stahls, des Erzes, des Abraums, des Wassers, der Luft, der Energie. Die Stoffströme, wie sie der Natur entnommen werden – transportiert, verarbeitet und konsumiert, wieder ausgespuckt, weggeworfen, recycelt und schlussendlich deponiert –, diese Ströme, die seit der Industrialisierung zu unvorstellbaren Massen angeschwollen sind, sollen zurückgefahren und ausgedünnt werden. Geht das überhaupt? „Die Antwort ist mittlerweile absolut sicher.“


„Das wird gehen! Man muss es aber wollen.“

In der Analyse wird die gesamte Entstehungskette eines Produkts aufgerollt. Die Papierherstellung beispielsweise ist sehr aufwendig. Ein Kilogramm entspricht einer Menge von 15 Kilogramm Natur. Wie Schmidt-Bleek sagt: Es hat einen ökologischen Rucksack von 15. Kunststoff dagegen nur von drei, vier oder fünf. Warum drucken wir unsere Zeitungen also nicht einfach auf abwaschbare Kunststofffolie, statt auf Papier?

Bert Beyers
Schmidt-Bleeks Dematerialisierung ist mittlerweile ein Grundbestandteil jeder Nachhaltigkeitsstrategie. Dass man Ressourcen effizienter nutzen sollte, ist inzwischen Allgemeingut. Was sich allerdings noch nicht herumgesprochen hat, ist die Radikalität, die Schmidt-Bleek seit Jahren einfordert. Und seine systemische Denkweise: Das heißt, sich nicht in Einzeldebatten verlieren oder nur auf CO2 schauen, sondern immer das Ganze sehen, und wie es zusammenhängt. So ist auch seine aktuelle Kritik an der Energiewende und Elektroautos zu verstehen.


Wirtschaft ist ein Parasit der Natur

Für Schmidt-Bleek ist die Wirtschaft letztlich ein „Parasit“ der Natur. Der Mensch bewegt heute bereits deutlich mehr Material auf dem Planeten Erde als die Natur selbst. Die Folgen für das komplexe, nichtlineare System der Ökosphäre sind prinzipiell nicht vorherzusagen. Eben daraus resultiert die Forderung nach der drastischen Dematerialisierung: so wenig wie möglich in die Natur eingreifen – nach dem Vorsorgeprinzip.

3 Antworten zu “Vorne weniger reintun”

  1. Geronimo Fuller

    Das Problem bei dieser Herangehensweise der Betrachtung des Bewegens von Stoffen als Gleichstellung zur Umweltbelastung ist, das das Hin- und Hertragen eines Eimers Wasser dabei genau so gewertet wird, wie das Ausstreuen der gleichen Menge Blei in die Botanik. Sorry, den Ansatz das kann ich nicht ernst nehmen. Soweit ich das sehe tut das in der Wissenschaft nach anfänglicher wohlwollender Beachtung in den Umweltwissenschaften heute auch niemand mehr.

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