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23. Februar 2016  /// Schwerpunkt Wachstum im Wandel

“Wandeln, statt gewandelt werden!”

Gestern, Montag, begann die 3. Internationale Konferenz „Wachstum im Wandel“ an der Wiener Wirtschaftsuni. 3 Tage lang diskutieren 600 TeilnehmerInnen zum Thema „An Grenzen wachsen“. Wo sind die Grenzen unseres Handelns? Wie zeigen sie sich und welche Auswirkungen haben sie? Wie können wir sie überwinden?

In mehreren Plenarveranstaltungen und 29 Arbeitsgruppen tauschen sich Vertreter aus Wirtschaft, Umweltbewegung, Politik und Wissenschaft über die anzustrebende „Transformationsgesellschaft“ und den Weg dorthin aus. Prominente Redner sind unter anderem Andrä Rupprechter, österreichischer Bundesminister für Landwirtschaft und Umwelt, Janez Potocnik, früherer EU-Umweltkommissar, sowie Hans Herren, Weltagrarexperte und Träger des Alternativen Nobelpreises. Zwei Abendveranstaltungen mit breitem Diskussionspanel reflektieren die Folgen des Pariser Klimagipfels unter dem Titel „Beschluss einer Transformation“ und die aktuellen, transnationalen Flüchtlings- und Wanderungsbewegungen („Migration – Bewegung von Menschen“).

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„Wir wollen nicht gewandelt werden, sondern selber wandeln“, betonte Elisabeth Freytag-Rigler vom Umweltministerium bei der Eröffnung. Wirtschaftliches  Wachstum könne nur noch in umweltschonender Weise und qualitativer Ausrichtung zugelassen werden. Ihre Kollegin Martina Schuster, unterstrich, dass die biophysikalischen Grenzen der Erde erreicht seien. Auch die wachsende soziale Ungleichheit mache ein Umsteuern erforderlich. Die vom Ministerium zusammen mit der WU veranstaltete Konferenz sowie Partnern aus Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgsellschaft wolle die „multiplen Aspekte der Transformation gemeinsam beleuchten“ und in ein Dialogformat bringen. Fred Luks vom Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit der Wirtschaftuniversität betonte die Verpflichtung der Hochschulen, sich an der „Third Mission“, der Öffnung gegenüber der Gesellschaft zu beteiligen. Die WU habe in diesem Bereich in den letzten Jahren rund 5000 Personen geschult. „Willkommen zum gemeinsamen Wandel“, begrüßte Luks die Teilnehmer der Eröffnungssession.

Foto vom Forum der WU
Die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) ist in diesem Jahr Gastgeber der „Wachstum im Wandel“-Konferenz. (Fotocredits: © BMLFUW/Jana Madzigon)

Für eine breite Diskussion über „nachhaltiges Arbeiten“ (sustainable work) sprach sich auf der Konferenz Sigrid Stagl, Leiterin des Institute for Ecological Economics der WU Wien, aus. Sie fragte: Wie muss Arbeit im Zusammenhang mit Wachstum in einem nachhaltigen Umfeld konzipiert werden? Ein Lösungsansatz dafür könne die Arbeitsteilung sein, die zu niedriger Arbeitslosigkeit in einem nur wenig wachsenden Markt führen könne. Als positive Nebeneffekte konnte sich Stagl auch einen Ausgleich zwischen Frauen, die signifikant teilzeitbeschäftigt sind, und Männern in Überstunden-Jobs vorstellen. Nachhaltiges Arbeiten sollte auch dem hohen Anteil unbezahlter Arbeit durch Frauen entgegenwirken. Nachhaltiges Arbeiten müsse auch die Grenzen des Planeten berücksichtigen, die durch das Eingreifen des Menschen in einem neuen Zeitalter – dem Anthropozän – bereits teilweise überschritten wurden.

Große Herausforderungen, aber auch Chancen für Europa

Karl Aiginger, Chef des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) verrät, was am Donnerstag in Brüssel als Ergebnis des von ihm koordinierten europäsichen www4europe-Projektes (www.foreurope.eu) vorgestellt werden soll. Sein Kern: ein neuer (Wachstums-)Pfad für Europa soll sozialer, dynamischer und ökologischer werden.

ForscherInnen aus 12 Ländern suchen seit vier Jahren Antworten auf die Herausforderungen Globalisierung, Alterung, Klimawandel, Heterogenität und neue Technologien (Industrie 4.0), für die eine „Position für 2050 zwischen den USA einerseits und Asien andererseits“ gefunden werden soll.

Ausgangspunkt der Debatte sind ökonomische Ungleichgewichte (Handelsbilanzüberschuss), Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung bei gleichzeitig geringer Dynamik: die europäische Wirtschaftsleistung ist heute geringer als vor der Krise. „Europa ist in der Midlife Crisis“, so Aiginger.

Dieser multiplen Krise stellen die Forscher ein Ziel gegenüber: „Wellbeing“ für möglichst viele, zu messen mit den „Better Life Indikatoren“ der OECD –  „von der quantitativen zur sozialen und ökologischen Dimension“. Um dieses Ziel zu erreichen, stellt Aiginger drei Nachhaltigkeitsbedingungen auf:

Begrenzte Verschuldung als ökonomische, Chancen für die nächste Generation als ökologische Nachhaltigkeitsbedinung und (besonders interessant) politische Stabilität, die derzeit extrem gefährdet sei in Europa, und keine Polarisierung als Nachhaltigkeitsbedingung für die Inklusion in Europa.

Foto von Karl Aiginger
Karl Aiginger vom österreichischen Wirtschaftssforschungsinstitut (WIFO) stelle das Projekt www4europe und die damit verbundene Vision für die Zukunft vor.

Diese Ziele seien nur gleichzeitig zu erreichen und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sagt Aiginger – auch um zu verhindern, dass nach jeder Wahl wieder neue Ziele formuliert werden. Hohe Ambition (Aiginger spricht von einer High-Road-Strategie) bringt im Gegensatz zu weiteren Kostensenkungen Wettbewerbsfähigkeit. Denn: „Es gibt immer jemand billigeren, das ist meine Botschaft an Europa.“

Erreicht werden könne dies nur in einer „2-Phasen-Strategie“. Zuerst und kurzfristig müssten und können die Probleme von gestern nur mit Wachstum gelöst werden – aber nicht Business as Usual. In einer zweiten Phase müssen wir uns aber auf geringere Wachstumsraten einstellen: „Wir müssen die Systeme darauf vorbereiten und für geringeres Wachstum konsolidieren“.

Ganz konkret sei es „möglich und notwendig“, die Abgaben auf Arbeit zu halbieren. „Europa kann diesen neuen Weg gehen. Er steht vor großen Herausforderungen und bietet hohe Chancen“, so Aiginger. Der Staat sei aber heute „erstaunlich unfähig“ in der Umsetzung seiner Ziele.

Paris umsetzen!

Helga Kromp-Kolb, Leiterin des des Zentrums für Globalen Wandel an der BOKU Wien, würdigte die Pariser Klima-Beschlüsse, die aber jetzt schnell in eine Umsetzung gebracht werden müsse: „Paris ist eine Chance, die wir nutzen müssen“. Wer nun was genau tun müsse, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, sei eine Diskussion, die auch in Österreich intensiviert werden müsse.

Zuvor hatte in der Abendveranstaltung des ersten Kongresstages IIASA-Geschäftsführer Nebosja Nakicenovic in einer Keynote den dringenden klimapolitischen Handlungsbedarf im 21. Jahrhundert aufgezeigt. Im Zeitalter der Industrialisierung seien bereits 2000 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre abgelagert worden. Wenn noch 1000 Milliarden Tonnen bis 2050 hinzu kämen, sei der Kipp-Punkt zur Klima-Katastrophe erreicht. Deshalb sei die Dekarbonisierung der Wirtschaft eine der Hauptaufgaben der nächsten Jahre. Wichtig sei, nicht isoliert zu handeln, sondern viele Transformationslinien zusammen zu binden. Viel hänge davon ab, eine Technologie- und eine Verhaltenswende der Menschen zu integrieren. Nakicenovic: „Wir brauchen einen radikalen Wandel“.

Foto vom Panel der Abendveranstaltung

Der Schweizer Agrarexperte und Träger des Alternativen Nobelpreises, Hans Herren, hob die Bedeutung der Landwirtschaft für eine Klimawende hervor. Heute werde der Treibhauseffekt zu 50 % durch Prozesse in Agrarbereich, vor allem der Viehzucht, und dem Ernährungsverhalten, speziell dem Fleischverzehr, verursacht. Dabei ginge es völlig anders: Mit einer alternativen Landwirtschaft und weniger Verschwendung könnten sogar 14 Milliarden Menschen ernährt werden. Zudem sei es bei anderen Verfahren der Bodenkultur möglich, dass pro Jahr 900 Tonnen pro Hektar im Erdreich gespeichert werden. Leider sei der Bereich Landwirtschaft in den Pariser Verhandlungen nicht seiner Bedeutung entsprechend zur Sprache gekommen. „Zeit haben wir keine mehr“, so Herren. „Wir müssen die Landwirtschaft jetzt auf Agrarökologie umstellen, nicht erst in zehn Jahren“.

Wir von N21 produzierten anlässlich der Konferenz unsere erste Print-Ausgabe – im Rahmen eines Workshops zum Transformationsjournalismus. Sie kann auch hier als PDF heruntergeladen werden.

Sieben (angehende) JournalistInnen bespielen zusätzlich den “Live-Blog” der Konferenz, die sozialen Medien und auch N21. In den nächsten Tagen folgen weitere Berichte. Stay tuned!

Links:

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