17. November 2015  /// Gastkommentar Umwelt Wirtschaft

Was VW, Glyphosat und Co. gemeinsam haben

Glyphosat bleibt weitere zehn Jahre auf dem Acker, die Entscheidung der Behörden ist vorerst gefallen. Doch die Diskussion um seine weitere Zulassung ist nicht beendet. Wie aussagekräftig sind die Modelle, mit  denen die Risiken geprüft werden? Wie praxisnah sind die Tests, die zum Freispruch des Wirkstoffs führen? Der Skandal um VW wirft neue Fragen auf. Über Jahre ist es nicht an die Öffentlichkeit gedrungen, nun hat die amerikanische Umweltbehörde den Schleier beiseite geschoben, und es offenbart sich ein denkwürdiges Geschäftsmodell:

Einhalten von Umwelt-und Gesundheitsnormen nur mit Fälschung und Betrug?

Was, wenn das nicht nur für VW oder die Autoindustrie gilt?

Wie steht es mit den Banken, der „Deutschen“ allen voran?

Wie mit der Industrie, die vom Verkauf von Pestiziden lebt? Alle getestet und für unbedenklich befunden.

Doch wie sieht dieser Testlauf aus?

Auch hier regiert das Testlabor, der „agrochemische Rollenstand“. Mit der Wirklichkeit auf den Feldern hat dieser Versuchsaufbau nichts gemein. Mit der Wirklichkeit auf unseren Tellern ebenfalls nicht.

Der Chemie-Cocktail, der über die Felder versprüht wird – bei uns, aber erst recht in Ländern, in denen die Futtermittel für unsere Fleischmast und Milchproduktion wachsen – ist noch nie lebensnah von den Zulassungsbehörden getestet worden.

Das übernehmen gegen ihren Willen die Bauern und Anwohner. Und wenn die über Gesundheitsfolgen klagen, dann doch nur, weil sie oder ihre Nachbarn das Mittel nicht nach Vorschrift oder Beipackzettel anrührten und versprühten.

Was, wenn dieser Nebel der Agrarchemie dort auf seine Unbedenklichkeit getestet werden müsste, wo die Menschen damit umgehen und darunter leben müssen? An den Soja- und Maisfeldern Brasiliens oder in den Bananenplantagen Mittelamerikas? Käme dann vielleicht auch heraus, was die amerikanische Umweltbehörde bei VW moniert: dass die Grenzwerte im realen Leben gar nicht eingehalten werden können?

Und in der Kombination mit anderen Chemikalien des Alltags unerwartete Gesundheitsrisiken nach sich ziehen?

Wir wissen es nicht, weil die Wirklichkeit in den Zulassungen nicht abgefragt wird. Und wir wissen es auch nicht, weil viele der Studien, die dabei zu Rate gezogen werden, von den Herstellern selbst kommen.

Was, wenn in den Vorstandsetagen dieser Konzerne das gleiche Klima herrscht wie bei VW? Prinzip Unverantwortung?

Wir wissen es nicht, aber die Causa VW wirft Fragen auf, die weit über Wolfsburg hinaus reichen.

Können wir bei solchen Geschäftsmodellen noch Vertrauen haben? Kann ernsthaft angenommen werden, dass ein Konzernchef seine teuren Entwicklungen am Ende selbst in Frage stellt, wenn er es nicht zwingend muss?

Ist dieses Ausmaß an Selbstverantwortung nicht realitätsfern, wenn nicht gar fremd, wie uns die neuere VW-Geschichte lehrt?

Was ist die Konsequenz? Für die Autoindustrie Abgastests unter Realbedingungen!

Tests nur noch unter Realbedingungen!

Was, wenn dies auch bei Agrarchemikalien gelten sollte?

Was, wenn das Standard würde?

Was würde dann aus Glyphosat und Co?

Weitere Beiträge von und über Wilfried Bommert:

www.wilfried-bommert.de

www.institut-fuer-welternaehrung.org/

http://n21.press/das-politische-im-essen1/

http://n21.press/das-politische-im-essen2/

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