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Was wollen wir teilen?

Heidelberg, im Oktober. „Es darf und soll allen besser gehen, solange es mir nur nicht schlechter geht“, beschreibt Prof. Dr. Michael Opielka, Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des  Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT), die Bereitschaft der Deutschen zu teilen. Die Hälfte aller Deutschen finde beispielsweise den Werterhalt ihres Grundstücks wichtiger als die Klimapolitik. Der Sozialstaatsexperte eröffnet den zweiten Tag der „ökumenischen“ Jahrestagung, der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg (FEST) und des Nell Breuning Instituts. Dieses Jahr stand die Zukunft der Arbeit in einer Postwachstumsgesellschaft auf der Tagesordnung. Gastgeber waren in diesem Jahr der stellvertretende Leiter der FEST und Umweltbeauftragte der EKD, Prof. Dr. Hans Diefenbacher und sein Team.

Das Nachhaltigkeitsdreieck ist ein Befriedungsversprechen

Den Zusammenhang zwischen wohlfahrtstaatlichen Konzepten und der Postwachstumsdebatte, entfaltete der Sozialwissenschaftler Opielka in seinem Vortrag zunächst anhand des Nachhaltigkeitsbegriffs. Dieser habe ursprünglich den Schutz der Umwelt zum Ziel gehabt und sei später um ökonomische  und soziale Dimensionen ergänzt worden. Das Nachhaltigkeitsdreieck sei so beliebt, weil es ein Befriedungsversprechen enthalte, das bisher aber nicht eingelöst worden sei.

Kapitalismus erzeugt Anspruchsgruppen, die ihre Privilegien verteidigen

Seine Einschätzung: Obwohl die Zahl der Gewinner eine sehr kleine sei, verfüge der Kapitalismus noch immer über viele Möglichkeiten, Menschen zu seinen Komplizen zu machen. Er produziere Anspruchsgruppen, die ihre Privilegien verteidigten. Zu ihnen zählten auch die gut organisierten Wohlfahrtsindustrien. Sie kämpften, wie alle anderen Industrien auch, mit harten Bandagen um Einfluss und Privilegien.

Man habe es heute mit einer Wettbewerbsmarktwirtschaft zu tun, die aber nur theoretisch auf dem Leistungsprinzip beruhe. Tatsächlich profitierten aber nur sehe wenige.

Die Frage, wie der Sozialstaat mit der Institution Familie umgehen solle, sei sehr umstritten. Die Sozialdemokratie hege ein tiefes Misstrauen gegen eine Finanzierung der Familie. Sie würde gerne „das Dumpfe der Familie und der Gemeinschaft“ hinter sich lassen und das Gemeinschaftliche modernisieren und neu erfinden.

Opielka: Grundeinkommen nach dem Muster der Schweizer Bürgerrente finanzieren

Das Bedingungslose Grundeinkommen finde er immer noch sehr interessant. Es sei genug Wohlstand da, um eine bunte Vielfalt an Lebensweisen zu ermöglichen, ein Nebeneinander von einer „Kultur des Genug“  und Wachstumsorientierung. Das sei der Grund, warum das Grundeinkommen heute von den unterschiedlichsten politischen Strömungen befürwortet werde. Sie alle hätten aber ein Ziel gemeinsam: die Abschaffung der Armut.

Der Grundeinkommensexperte sprach sich für eine Finanzierung des BGE nach dem Muster der Schweizer Bürgerrente aus. Man müsse endlich dazu übergehen, alle Einkommensarten zu besteuern und nicht  nur die Erwerbsarbeit. Eine Finanzierung durch Verbrauchssteuern, wie sie von Götz Werner vorgeschlagen werde, halte er für problematisch. Sie würde die Schwarzarbeit fördern. Für das Gelingen des BGE sei aber die Bereitschaft der Bürger, Steuern zu zahlen, immens wichtig.

Die Flüchtlingszuströme beurteilt er aus wohlfahrtsstaatlicher Sicht skeptisch. Die Bereitschaft zu teilen, sei nicht wirklich groß. „Gemeinschaft“, so Opielka, „bedeutet immer: Andere werden ausgeschlossen. Bedeutet: unser Grundstück, unser Auto, unser Heidelberg. Und wir lassen nicht alle anderen daran teilhaben.“

Die Armen bleiben arm, wenn sie sich nicht organisieren

In der anschließenden Diskussion kam eine Vielzahl weiterer Fragen auf. Das hohe Verschuldungsniveau der öffentlichen Hand und der privaten Haushalte fördere die Angst vor Veränderungen. Dem konnte Opielka nur zustimmen. Inflation sei ein wirksames Mittel der Entschuldung der öffentlichen Hand, bevorzuge aber all diejenigen, die Immobilien besäßen.

Die Armen, so Opielka, blieben auch in Zukunft arm, wenn sie es nicht endlich schafften, selbst für ihre Rechte zu kämpfen und nur darauf warteten, dass andere es für sie täten. Das Wesen der Demokratie sei die Selbstorganisation.

Brigitte Kratzwald: Commons sind die Experimentierwerkstäten der Zukunft 

Nach so viel nüchternem „Realismus“ sorgte die Österreicherin Brigitte Kratzwald für eine optimistischere Sicht der Dinge.  Die Autorin des Buches „Das ganze des Lebens. Selbstorganisation zwischen Lust und Notwendigkeit“ lebt in Graz und gilt als Kennerin alternativer Ökonomien und der Commons-Bewegung.

Sie fragte: Warum müssen wir immer mehr arbeiten, obwohl die Produktivität stetig steigt? Warum müssen immer mehr neue Arbeitsplätze geschaffen werden und immer mehr Lebensbereiche ökonomisiert werden? Warum sollen Menschen nicht das tun dürfen, was sie gerne machen? Warum wird 60 % der Arbeit nicht bezahlt und warum müssen diejenigen, die heute sehr viel unbezahlt arbeiten, zusätzlich auch noch Geld verdienen gehen, um zu überleben?

Brigitte Kratzwald: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Wir müssen uns von der Geldlogik befreien, und wir müssen uns fragen: Was sind unsere wahren Bedürfnisse? Welche Ressourcen stehen zu Verfügung? Und wo ist wirklich Geld notwendig?“  Der Begriff Arbeit sei irreführend, denn Leben sei immer auch Arbeit und Arbeit Leben.

Alle Fähigkeiten entfalten, ohne Ressourcen zu übernutzen

Die zentrale Frage sei: Wie können wir so leben und wirtschaften, dass die Bedürfnisse aller Menschen befriedigt werden, alle Menschen ihre Fähigkeiten entfalten könnten und die Ressourcen nicht übernutzt werden? Eine ökologisch nachhaltige, gerechte und demokratische Gesellschaft müsse diese Ziele gleichwertig verfolgen. Commons seien hier ein wichtiger Lösungsansatz.

Commons waren schon immer ein Ausweg aus Ressourcenkrisen

Das Prinzip Commons habe sich in den letzten Jahrhunderten schon oft als Ausweg aus Krisen bewährt. Vor allem wenn Ressourcen knapp waren, hätten sich Gemeinschaften auf gemeinsame Regeln geeinigt, wie man mit diesen so umgehen könne, dass sie nicht übernutzt würden und dennoch alle davon profitierten.

Commoning erfordere es, gemeinsam Regeln zu erarbeiten und durchzusetzen. Commons müssten immer wieder reproduziert werden. Commons beruhten auf einer Balance von Geben und Nehmen, die von allen als fair empfunden werde. Fairness sei aber nicht dasselbe wie Gleichbehandlung. Fairness bedeute, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht zu werden.

Freiheit durch High-Tech Subsistenz?

Das Prinzip Commons erlebe gegenwärtig eine Renaissance. Die Entwicklung von Open-Source-Software wie z.B. Linux oder Wikipedia seien dafür die bekanntesten Beispiele.

Immer mehr BürgerInnen machten sich heute auf, um gemeinschaftlicher zu leben und zu arbeiten: Energiegenossenschaften, Gemeinschaftsgärten, Leihläden, die „Alternatiba“ in Wien, Musikveranstaltungen, Feste, Freizeitgestaltung, Schutzhütten u.a.m. Es gebe inzwischen immer mehr Beispiele für commonsbasierte und commonsschaffende Peerproduktion, darunter Open-Design-Plattformen, Open-Hardware-Entwicklercommunites, FabLabs (offene Werkstätten). KratzwaldDOWNLOADManche Experten erwarteten inzwischen sogar eine Rückkehr zu vorkapitalistischen Produktionsweisen. Freiheit durch Subsistenz und eine neuen Typus von High-Tech-Subsistenz erscheine vielen inzwischen möglich.

Auch der Kapitalismus war nicht das Ergebnis eines Masterplans

Dies alles sei zugegebenermaßen bisher noch „Nische“. Aber sie halte diese Nischen für wichtige und durchaus relevante Experimentierwerkstätten der Zukunft. Eine neue Gesellschaft lasse sich nicht am Schreibtisch konstruieren. Der Kapitalismus sei auch nicht das Ergebnis eines Masterplanes gewesen, der anschließend umgesetzt wurde. Die Zukunft müsse ausgehandelt werden. Diese Experimente seien notwendig, weil  sich Menschen auf diese Weise veränderten und auf diese Weise das Neue in die Welt komme.

 

http://www.boell.de/sites/default/files/2012-04-buch-2012-04-buch-commons.pdf

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