10. November 2015  /// Bewegung

Wege aus dem Wachstumsdilemma: IÖW feiert 30 Jahre

Die Alternativbewegung der 70er Jahre hat viele Blüten getrieben, aus denen mitunter ansehnliche Gewächse geworden sind.  Ein Spätentwickler in dieser Transformationsszene machte sich 1985 in einem wirtschaftlichen Spezialgebiet – der ökonomischen Forschung – auf den Weg und kann in dieser Woche einen runden Geburtstag feiern. Das in Berlin gegründete Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) beging am 3. November mit der Konferenz „Kern-Geschäfte: Wie Unternehmen sozial-ökologischen Wandel gestalten können“ sein 30-jähriges Jubiläum.

„1985 waren die bestehenden Ökoinstitute in Deutschland eher naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtet“, erinnert sich Reinhard Pfriem, der damals den Anstoß gab. „Ein Institut für ökologische Wirtschaftsforschung zu gründen, war ein Schritt ins Ungewisse. Und es war kein leichter Schritt“, sagt der heutige Professor für Unternehmensführung und betriebliche Umweltpolitik an der Universität Oldenburg.

An staatliche Grundfinanzierung war nicht zu denken. Den Start des IÖW ermöglichten damals 12 private Gesellschafter; Pfriem wird erster Geschäftsführer und richtet das Büro in seiner Wohnung in der Berliner Niebuhrstraße ein. Die IÖW-Eröffnungstagung 1985 hat den Titel „Wege aus dem industriellen Wachstumsdilemma“. An diesem Brett wird hier auch eine Generation später noch gebohrt.

Erfolgreicher ist das IÖW auf der Energiestrecke. Das erste große Gutachten über „Wirkungen eines Ausstiegs aus der Kernenergie“ wird 1986 vom Bundeswirtschaftsministerium bestellt. „Die Thesen des IÖW sind dem Auftraggeber allerdings zu forsch“, notiert die Instituts-Chronik. „Im Gegensatz zu einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zum gleichen Thema beachtete das Ministerium das IÖW-Papier kaum“. Die Energiewende hat auch in der Forschung das Blatt gewendet.

Seitdem ist das IÖW auf 45 Mitarbeiter angewachsen. Das Budget beläuft sich für 2015 auf rund drei Millionen Euro, die sämtlich über externe Forschungsaufträge hereinkommen, davon in starkem Maße von den Bundesministerien für Forschung und Umwelt und dem Amt für Naturschutz. „Wir erhalten nach wie vor keine öffentliche Grundfinanzierung“, unterstreicht der heutige IÖW-Geschäftsführer Thomas Korbun.

Die größten Wirkungserfolge sieht Korbun vor allem im BWL-Teil der Wirtschaftswissenschaft, der ökologischen Umsteuerung auf betriebswirtschaftlicher Ebene. „Hier hat das IÖW mit seinen Beiträgen zum betrieblichen Umweltmanagement und der Ökobilanz Meilensteine gesetzt“, erklärt Korbun. Die Ökobilanz, nach der neben den Kostenfaktoren Arbeit und Produktionsmittel auch die Wirkungen auf die Umwelt in die Gesamtrechnung einbezogen werden müssen, ist inzwischen als Regelwerk von DIN-Normen übernommen worden.  Diese Innovation aus der Nische hat die volle Wirtschaftsbreite erreicht.

Trotzdem: Ökologisches Wirtschaften liegt zwar im Trend, ist aber noch kein Mainstream – schon gar nicht in der Wissenschaft. „Die Wirtschaftsforschung in Deutschland ist immer noch sehr uniform“, stellt Korbun fest. „Vor allem bei der Lehre an den Hochschulen wäre mehr Vielfalt dringend angesagt.“

Welches seine Zukunftsthemen sind, diskutierte das IÖW auf seiner Berliner Jubiläums-Tagung mit 180 Teilnehmern.  Auf dem Programm standen die Transformation kompletter Märkte („Wie neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle Branchen nachhaltig verändern“), nachhaltige Lieferketten in globalem Maßstab und die „neue Kooperationskultur“ sozial-ökologischer Unternehmen untereinander und mit ihren Kunden. Und natürlich, wie schon am Anfang des Instituts: das Wachstumsthema. „Wirken ohne zu wachsen? Wie Unternehmen neue Ziele verfolgen“, ist das Thema eines Workshops zum „Postwachstum“.

http://www.ioew.de/30-jahre-gefruchtet/

http://www.ioew.de/1985-bis-2015-das-ioew-wird-30/

 

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