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5. August 2016  /// Gesellschaft Lesenswert Wissenschaft

Welche Zukunft hat die Zukunftsforschung?

Im Gegensatz zur Geschichtsforschung bekommt die Zukunftsforschung akademisch (noch) vergleichsweise wenig Beachtung. Ein Buch aus der FU Berlin bietet eine interessante Perspektiven-Suche. 

Die Zukunft findet gegenwärtig etwas mehr Aufmerksamkeit, dank der Vergangenheit. Der 500. Jahrestag von Thomas Morus „Utopia“ bringt ins Bewußtsein, wie stark die Moderne von utopischem Denken und Zukunftsentwürfen geprägt worden ist. Umso erstaunlicher, dass dies von der Organisation des akademischen Wissens nicht adäquat gespiegelt wird. Die Zukunftsforschung hat es zumindest in Deutschland nie zu größeren universitären Weihen geschafft. Dafür sind die Historiker an jeder Hochschule zur Untersuchung der Vergangenheit meist mit mehreren Lehrstühlen präsent. „Man sollte eine Wissenschaft stiften, nämlich die Wissenschaft der Zukunft “, forderte schon im 19. Jahrhundert der deutsche Nationalökonom Friedrich List, „die zum mindesten so großen Nutzen leisten dürfte als die Wissenschaft der Vergangenheit“.

Umso verdienstvoller, dass aus dem einzigen akademischen Studiengang für Zukunftsforschung in Deutschland, dem „Institut Futur“ an der Freien Universität Berlin, jetzt ein grundlegende Bestandsaufnahme des Fachs vorgelegt wurde. Die Publikation „Einblicke, Ausblicke, Weitblicke“ gibt auf 393 Seiten einen breit gefächerten Überblick auf die „aktuellen Perspektiven in der Zukunftsforschung“. Eine Besonderheit: der Sammelband mit 22 Beiträgen ist unter Federführung des FU-Dozenten Reinhold Popp mit starker Beteiligung der Studierenden entstanden.

Am wichtigsten ist den Zukunftsforschern der Plural. Es gibt nicht „die“ eine Zukunft, die uns festgefügt bevorsteht und sich mit geeigneten Radargeräten prognostizieren lässt. Der Raum des Künftigen besteht vielmehr aus unterschiedlichen „Zukünften“, die sich je nach Einsatz positiv wie auch negativ gestalten lassen. „In der Zukunftsforschung geht es darum“, formuliert es Gerhard de Haan, Professor für Zukunfts- und Bildungsforschung an der FU Berlin und Gründer des Studiengangs, „sich systematisch mit möglichen, plausiblen, wahrscheinlichen und wünschbaren Zukünften auseinanderzusetzen“.

Im Unterschied zu Trendforschern, die aktuelle und gesellschaftliche Entwicklungen einfach in die nächsten Jahrzehnte fortschreiben, geht es der sozialwissenschaftlichen Zukunftsforschung um eine normative Rahmung, die zugleich die gesellschaftliche Beteiligung sucht. „Bei den gewünschten Zukünften spielt der Aspekt der Partizipation eine große Rolle, ein Thema, das in den letzten Jahren in der Zukunftsforschung immer stärker diskutiert wird“, erläutert de Haan. „Wir wollen herausfinden, was für eine Gesellschaft wünschbare Zukünfte sein können“. Was Lebensqualität ist und wie sie für die einzelnen Gesellschaftsgruppen künftig erreichbar sein wird, stellt für den FU-Wissenschaftler ein „zentrales Anliegen der Zukunftsforschung heute“ dar.

Ein Versuchslabor für diese alternativen Wege ins Morgen wird derzeit gerade in Berlin errichtet. Neben dem Bundesforschungsministerium am Spreeufer entsteht das „Haus der Zukunft“, das Anfang Juli Richtfest feiert und in 2017 eröffnen will. Sein Leiter Reinhold Leinfelder, ebenfalls Professor an der FU Berlin, will dort die großen gesellschaftlichen Herausforderungen („Grand Challenges“), ob Ernährung, Gesundheit oder Verkehr, in jeweils fünf unterschiedlichen Zukunftsversionen präsentieren: einem reaktiven Pfad, auf dem Probleme erst dann angegangen werden, wenn sie auftreten; einem Suffizienz-Pfad, der vorausschauend den Ressourcen-Verbrauch mindert; einem Konsistenz-Pfad, der sich „bioadaptiv“ noch stärker in die natürlichen Kreislaufprozesse einordnet und etwa keinen Abfall mehr kennt; einem Hightech-Pfad, der die Natur mittels immer mehr Technik entlasten will; bis hin zum Business-as-usual-Pfad, auf dem es weiter läuft wie bisher – derzeit die weltweit noch am meisten verfolgte Variante. „Wir wollen mit diesem neuen Ort sowohl Interesse an der Zukunft wecken als auch Lust auf Beteiligung an der Zukunftsgestaltung machen“, schreibt Leinfelder in seinem Beitrag. Dies sei allerdings „nur mit umfassender Partizipation“ von Wissenschaft, Forschung, Entwicklung und Zivilgesellschaft erreichbar.

Vielleicht schon wieder zuviel Zukunft? Herausgeber Popp verwahrt sich in seinem Beitrag jedenfalls „gegen den inflationären Gebrauch des Begriffs Zukunftsforschung“. Mit Anstrengungen zur Methodenbildung und Profilierung einer akademischen Disziplin soll zugleich gegen die Begriffs-Piraterie vorgegangen werden, die Trend- und Konsumforschung als wissenschaftlich untermauerte Futurologie ausgibt. „Je nach Stimmungslage profilieren sich diese Trendgurus“, so Popp, „entweder als Alles-wird-gut-Propheten mit einem umstandslosen Zukunftsoptimismus oder als Propheten des immer und überall lauernden Weltuntergangs“.

In weiteren Beiträgen und in einem gelungenen grafischen Design ermöglicht das Berliner Zukunfts-Lesebuch den Einstieg in eine breiter angelegte Debatte der Zukunftsorientierung. Die internationale Situation wird ebenso behandelt wie die Anwendung der Zukunftsforschung in Wirtschaftsunternehmen, neue Erzählformate und die Berührung mit dem literarischen Genre der Science Fiction.

Welche Zukunft die Zukunftsforschung selbst haben wird, ist für die universitären Experten keineswegs ausgemacht. Eine Rolle wird dabei auch das gesellschaftliche Zukunftsbewußtsein spielen, das heute geringer ausgeprägt als in den 60er-Jahren. „Die Zukunft hat schon begonnen“, lautete damals ein Bestseller des Wissenschaftsjournalisten Robert Jungk. Heute ist der Zukunftshorizont der Deutschen auf die unmittelbare Nahzeit ausgerichtet. „Wie weit planen Sie Ihre Zukunft voraus?“, wollte Reinhold Popp in einer Umfrage wissen, und erhielt als Ergebnis, dass sich der Planungshorizont bei 56 % der Befragten auf gerade ein Jahr erstreckte, weitere 19 Prozent dachten bis um fünf Jahre voraus. Den weiten Blick der Zukunftsforscher – bis zehn Jahre und mehr – wollten nur fünf Prozent auf ihr eigenes Leben richten. Ein gutes Fünftel gab sogar an, sie „planen kaum voraus“.

Aber Volkes Stimme hält für die Zukunftsforscher auch eine gute Nachricht bereit. In einer weiteren Umfrage, die Popp zitierte, teilten 68 % der befragten Deutschen die Ansicht, dass sich in den nächsten 20 Jahren an vielen Universitäten die Zukunftswissenschaften neben den historischen Fächern etablieren werden. Der Business-as-usual-Pfad wäre das freilich nicht. Sondern die Zukunft einer wandlungsbereiten Universität.

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