Futurium
Bild: Futurium
29. September 2017  /// Bewegung Gesellschaft Wissenschaft

Welche Zukunft wird das „Futurium“ haben?

Das neue Haus der Zukunft im Berliner Regierungsviertel muss politischer werden

Ohrenbetäubende Heavy Metal-Rhythmen wummern über die Spree in Richtung Bundestag und Kanzleramt; die Politiker sind zum Glück im Wahlkampf. Die Töne sind unmenschlich: die Band besteht aus Robotern. In Berlin feiert das „Futurium“, das Haus der Zukunft zwischen Hauptbahnhof und Bundesforschungsministerium, seinen ersten Tag der offenen Tür, eigentlich nur eine Preview. Wie es sich gehört, ist der neue Zukunftsort seiner Zeit voraus: Die richtige Eröffnung steht erst im nächsten Jahr an, Vollbetrieb ab 2019, zusammen mit dem neuen Berliner Flughafen dann. Dem Wissenschaftsreporter des „Inforadio Berlin-Brandenburg“ wurde schon vorab eine Führung durch das architektonisch markante Gebäude zuteil.

Mehrere Zukünfte nicht eine Zukunft

„Zukunft ist liquide“, sagt Stefan Brandt, der inzwischen zweite Direktor des Futurium. Damit meint er die Gestaltbarkeit, die Offenheit von Zukunft, für die es – aus der Gegenwart gesehen – in der Regel mehrere Optionen gibt, „Zukünfte“. Brandt und sein Team wollen dies auch in der Organisation des Hauses umsetzen: „Wir sind Bühne, Labor und Museum“, sagt der 41-jährige Kulturmanager aus Hamburg. „Und wir wollen radikal offen sein“. Ein Forum für offene Fragen.

Ein spannendes Versprechen, ist das Futurium doch ein Seitentrieb aus dem Wissenschaftspark der gravitätischen Elfenbeitürme in Deutschland, wo die Kommunikation mit und die Einbeziehung der Gesellschaft bislang eher verhalten praktiziert wird. Gründungsgesellschafter des Futurium, förmlich einer gemeinnützigen GmbH, sind neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) acht Wissenschaftsorganisationen – wie die Max-Planck-Gesellschaft und die Nationalakademie Leopoldina – sowie sechs Industriekonzerne, darunter Siemens, BASF, Bayer und Infineon. Mitte September war, nach 18 Monaten Bauzeit, die Schlüsselübergabe des 58-Millionen-Euro-Neubau, aus dem Bundeshaushalt finanziert.

Am gesellschaftlichen Diskursklima arbeiten

Der Name Futurium ist nicht jedermanns Sache. „Ein sprachliches Ungetüm“, echauffierte sich die „Berliner Zeitung“. „Weder wirkliches Latein noch wirklich international, kaum adaptierbar ins Englische, Französische, Russische, schon gar nicht ins Chinesische, Hindi, Bahasa Indonesia.“ Die anfängliche Bezeichnung „Haus der Zukunft“ sei da viel ehrlicher und präziser gewesen. „Aber das schien irgendwelchen Marketingmenschen nicht international genug – also Futurium. Klingt fast wie Museum“, so die Zeitung, die sich breiter mit der herausstechenden Architektur beschäftigt.

Johanna Wanka, die inzwischen scheidende Bundesforschungsministerin, möchte am gesellschaftlichen Diskursklima arbeiten. „Bisher laufen in Deutschland die Debatten über Wissenschaft und Technik so: Risiken nach vorne, Chancen nach hinten“, stellt die Politikerin fest. Das Futurium sei dagegen „etwas völlig Neues: Ein Ort der Partizipation, der Teilhabe“. Zusammen mit der Gesellschaft, den Bürgern, solle „offen und auch streitbar diskutiert“ werden, welche Zukunftstechnologien gewünscht – oder auch abgelehnt werden.

Zukunft auf mehreren Ebenen

Das soll in verschiedene Formaten geschehen, die sich über das drei-geschossige Gebäude verteilen. Im Keller ist das „Futurium Lab“ untergebracht, eine Technikwerkstatt oder „Makerspace“, in der vor allem Jugendliche ihre Mini-Roboter produzieren können.

Im Erdgeschoss werden im Veranstaltungsforum die kontroversen Debatten stattfinden, die am Premierentag – mit insgesamt 15.000 Besuchern – gut frequentiert waren. Am langwierigsten gestaltet sich die Arbeit an der Dauerausstellung im Obergeschoss. Das ursprüngliche Konzept des Futuriums-Gründungsdirektors Reinhold Leinfelder mit fünf verschiedenen Zukunfts-Varianten hat Nachfolger Brandt modifiziert und will nun drei große „Denkräume“ zu den Oberthemen Technik, Natur und Gesellschaft realisieren. „Die Ausstellung setzt sich zum Ziel“, erläutert Brandt, „das Publikum aktiv zu involvieren und zum Nachdenken und Handeln anzuregen“. Dr. Stefan Brandt, Direktor des Futuriums, stellt das Projekt näher in einem Radiointerview vor.

Gegen das „Diktat der Kurzfristigkeit“

Mit welchen Zukunftsthemen sich das Futurium befassen will, davon gab der „OpenHouse“-Tag einen Eindruck.  Neue sozialwissenschaftliche Studien zu gesellschaftlichen Zukunftserwartungen präsentierte die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger; die Stadtplanung mit Bürgerbeteiligung und eine Mobilität ohne Auto waren weitere Themen. Der Einzug der Roboter in die Arbeitswelt, Ansätze für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem jenseits des klassischen Wachstums oder der Meeresboden als Schatzkammer wurden ebenfalls behandelt.

Einen Akzent setzte Eröffnungsredner Klaus Töpfer, Ex-Umweltminister und Nachhaltigkeitsforscher, der dazu aufrief , sich gegen das „Diktat der Kurzfristigkeit“ in Politik und Wirtschaft zur Wehr zu setzen und die „Silo-Betrachtung der Probleme“ zu überwinden. Er umriss die Aufgaben des „Anthropozäns“, dem neuen Erdzeitalter mit dem Menschen als „quasi-geologischer Kraft“. Töpfer: „Wir kippen in eine andere Dimension der Probleme hinein“. Diese Dimension müsse „zum gesellschaftlichen Thema“ gemacht und die Bürger bei der Lösung einbezogen werden.

Die Welt 2028 – eine Dystopie?

Wie politisch, wie radikal muss – und darf – das Futurium, mitten platziert im Berliner Regierungsviertel, bei der Diskussion dieser Fragen werden? Szenenwechsel: Am gleichen Tag kommen im Deutschen Theater 250 Experten und Bürger zusammen, um unter dem Titel „Welche Zukunft?!“ einen ganz anderen, dystopischen Blick auf die kommenden Jahre zu werfen. Wenn die Klimaextreme zunehmen, es zu Welthungerepidemien und Völkerwanderungen kommt, der politische Extremismus wächst und die nächste Finanzkrise zuschlägt – wie konnte das geschehen und warum wurde nicht oder falsch gehandelt? So wird im Szenario eines fiktiven Untersuchungsausschuss des Jahres 2028 von Wirtschafts-, Umwelt- und Politikexperten überlegt.

Die Bandbreite der Zukunftsszenarien wird von den Machern von „Welche Zukunft?!“ so beschrieben:

Hubschrauber kreisen über dem Kurhaus von Heiligendamm, Polizeiboote patrouillieren an der Ostseeküste, Möwen frieren am Strand. Drinnen im Saal des Grandhotels haben sich die Staats- und Regierungschefs der G12 versammelt. Es ist der 9.2.2028 und dies ist das erste Treffen seit dem Crash, der 2026 die Weltwirtschaft lahmlegte. Die Gastgeberin, Kanzlerin von der Leyen, tritt vor das Mikrofon und begrüßt die Gäste. Ihre Rede ist kurz, formlos und endet mit einem eindringlichen Appell.

Dies ist die letzte Chance, unsere Demokratie zu retten. Die Menschen haben den Glauben an uns verloren. Wir, die internationale Staatengemeinschaft, haben versagt. Wir haben zu wenig unternommen, zu spät reagiert. Nun. Müssen. Wir. Handeln.“

Die versammelten Staats- und Regierungschefs werden nicht handeln. Sie werden sich aber dazu durchringen, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen. Während draußen in den Städten Barrikaden brennen und Supermärkte geplündert werden, versucht ein internationales Panel in der Villa Perle die Ursachen für den Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu ermitteln, der vor zwei Jahren begonnen hat und dessen Ende nicht absehbar ist.

Zugegeben: Es kann auch anders kommen. Es kann auch gut gehen. Die Krise wird abgewendet. Die Weltwirtschaft erholt sich. Die 17. Staffel von Game of Thrones wird gedreht, der Berliner Flughafen eröffnet. Wir wissen es nicht.

Aber wenn wir es wüssten – wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass die Party im Jahr 2026 zu Ende ist, dass eine Bank oder ein Algorithmus oder ein Land die Weltwirtschaft vor die Wand fährt – was würden wir tun? Hier und jetzt, was würden wir unternehmen?“

Zukunft noch zu wenig Thema

Das Deutsche Theater will zusammen mit den Humboldt-Forum daraus ein Bühnenstück formen, das dem Zukunftsthema eine neue Erzählweise geben will. Genau besehen, müsste „Welche Zukunft?!“ im Futurium aufgeführt wenden, um von hier aus eine Ausstrahlung zum anderen politischen Ufer, den Bundestag mit seinen Abgeordnetenbüros und die Kanzleramt-Regierungsmaschine zu haben. Wie dringend nötig eine solche Operation ist, hat der deutsche Bundestagswahlkampf 2017 gezeigt, in dem die großen Zukunftsthemen in den politischen Diskussionen so gut wie gar nicht aufgegriffen wurden.

Einzelne Ansätze wie der Wahlaufruf der Zukunftsinitiative D2030 oder die Forderungen des „Generationenmanifest“ haben nur geringe öffentliche Aufmerksamkeit gefunden und sind im politischen Raum bisher nicht aufgegriffen worden. „Wir wollen ein Teilchenbeschleuniger für kreative Gedanken sein“, sagt Futuriums-Chef Stefan Brandt. Kein unpassendes Bild, denn die Zukunftsdiskussion in Deutschland leidet unter einer eklatanten organisatorischen Atomisierung. Viele Einzelne sind zwar motiviert unterwegs, aber es fehlt an einer gesellschaftswirksamen Bündelung.

Als die „Tagesthemen“ der ARD drei Tage vor der Wahl noch einen Beitrag über das Politthema „Digitalisierung“ produzieren, klopfen sie auch im Futurium an. Stefan Brandt ist bereit für ein politisches Statement. „Ich glaube, es ist Zeit für eine neue Enquete-Kommission, in der überparteilich und mit Wissenschaftlern und der Zivilgesellschaft diskutiert wird, wie wir digitalen Wandel gestalten wollen“, empfiehlt er dem neuen Bundestag. Klaus Töpfer hat bereits eine ähnliche neue Position. Er leitet das „Nationale Begleitgremium“, das bei der Suche nach einem Atommüll-Endlager, einem wirklichen Zukunftsprojekt, zwischen Öffentlichkeit und Politik vermitteln soll. Es wäre sicher nicht verkehrt, in den „Wünschespeicher“ des Futurium die kreative Idee einzugeben: „Die Politik braucht ein nationales Begleitgremium für Zukunftsfragen“.

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