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28. April 2016  /// Lesenswert Schwerpunkt Ernährung

Weltweites Bio und Wegwerfkühe

Zwei kürzlich erschienene Bücher widmen sich den Fallstricken der globalen Landwirtschaft. Sie sind sehr unterschiedlich, aber beide lesenswert.

Der US-amerikanische Enthüllungsjournalist Peter Laufer geht der Frage nach, ob Bio-Siegel halten, was sie versprechen. Dabei scheut er keine Recherche-Mühen. In einem Supermarkt in seiner Heimat Oregon kauft er schwarze Bohnen und Walnüsse, beide mit einem Bio-Siegel versehen. Als Laufer die Herkunftsangaben sieht, staunt er nicht schlecht: Bolivien und Kasachstan. Kann das sein? Werden in Bolivien schwarze Bohnen in biologischer Landwirtschaft, in Kasachstan, einem bekannt korrupten Staat, wirklich Bio-Walnüsse angebaut?

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Bio in Bolivien?

Laufer versucht zunächst, von der US-Zertifizierungsbehörde nähere Auskunft zu erhalten. Ohne Erfolg. Er trifft auf ein gleichermaßen von Bürokratie als auch von MitarbeiterInnenmangel geprägtes System, das auf Fragen gar nicht eingestellt ist. Laufer geht daher andere Wege – in vollem Bewusstsein, dass diese ihm als versierten Journalisten offen stehen, aber sonst nur wenigen Menschen. Die verschlungenen Wege führen ihn nach Bolivien zu einer bäuerlichen Familie, die tatsächlich schwarze Bohnen in biologischer Landwirtschaft herstellt.

Eine Begegnung, die für Erstaunen sorgt. Laufer und seine LeserInnenschaft sind erstaunt, aber mehr noch der Bauer. Darüber, dass jemand,  der höchstwahrscheinlich seine Bohnen gekauft hat, aus den fernen USA zu ihm reist. Der Kontrast zwischen den auch für westliche Maßstäbe nicht gerade billigen Bio-zertifizierten Lebensmitteln und der offensichtlichen materiellen Armut, in der BäuerInnen in so genannten „Entwicklungsländern“ leben, ist auffällig.

Betrugsanfälliger Export

Eine überraschende Wendung – vor allem, weil Laufer viel über Betrug mit Bio-Siegeln herausfindet: Je größer die Entfernungen sind und je stärker in der Landwirtschaft auf Export ins (oft weit entfernte) Ausland gesetzt wird, desto eher kann betrogen werden. Und desto geringer sind die Hemmungen. Das gilt für Bio, aber noch viel stärker für Landwirtschaft generell. Das größte Problem ist (nicht nur) für Laufer, dass die ProduzentInnen ihre eigenen KontrolleurInnen bezahlen.

Warum gerade der österreichische Residenz-Verlag Laufers Buch verlegt, erklärt sich aus dessen Recherchen und Kontakten in Österreich: Laufer interviewte heimische Bio-Größen, wie den Zurück-zum-Ursprung-Zampano Werner Lampert, den zurückhaltenderen Leiter der Bio-Schiene von Spar oder einen pensionierten Beamten des Gesundheitsministeriums. Dieser erklärt, ein wichtiges Prinzip für Bio-Landwirtschaft sei, dass der ganze Hof auf Bio umgestellt sein muss. Nur einen Teil der Produktion als Bio zu vermarkten, ginge nicht. Dafür gäbe es keine österreichische Bio-Kennzeichnung. Anders die EU-Vorschriften, die dies durchaus erlauben. Und somit für viele Bio-PuristInnen nicht glaubwürdig sind.

Eine interessante Frage stellt der Betreiber eines bekannten Bio-Hofes in Niederösterreich: „Warum ist es nicht Vorschrift, auf konventionell erzeugten Lebensmitteln den Totenkopf abzubilden, wie auf Giftfässern? Warum müssen die BiobäuerInnen für die Zertifizierung zahlen?“

Den Missständen in der konventionellen Landwirtschaft widmet sich Tanja Busse in „Die Wegwerfkuh“. Sie weist nach, dass die ständige Forderung nach Effizienz, die in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten um sich gegriffen hat, ein alles andere als effizientes System zur Folge hat. Busse stellt die Frage: Was ist eigentlich Effizienz?

Effizienz und Müll

Sie macht deutlich, dass ein gravierender Unterschied zwischen Mist und Müll besteht: In der traditionellen Kreislaufwirtschaft fällt Mist an, der wieder verwertet werden kann, wohingegen in der aktuellen konventionellen Landwirtschaft viel unbrauchbarer Müll produziert wird. Zu Müll, Ausschuss oder Abfall werden auch viele Nutztiere deklariert – schwächere Individuen der so genannten „Hochleistungsrassen“.

Etwa Milchkühe, die – bei einer natürlichen Lebenserwartung von zwanzig Jahren – schon nach drei Jahren geschlachtet werden. Sie werden zu einer so hohen Milchproduktion getrieben, dass sie krank werden. Immer öfter kommt es auch vor, dass trächtige Kühe geschlachtet werden, was lange Zeit ein Tabu war. Dazu kommt es, weil Hormontests (die im Vergleich zum Verlust von Kälbern eigentlich günstig wären) für zu teuer erklärt werden. Nicht sehr effizient. Ebenso wenig effizient ist es, Schweinerassen zu züchten, die mehr Ferkel werfen als sie Zitzen haben.

Busse konzentriert sich auf die Landwirtschaft in Deutschland, aber ihre Analysen sind für die gesamte konventionelle Landwirtschaft gültig. Ein großes Problem ist die zunehmende Abhängigkeit der oft verschuldeten LandwirtInnen von wenigen großen Konzernen, die nicht nur Saatgut, Dünger und Pestizide herstellen: In der Geflügelmast verkaufen Konzerne Küken, Futter und Medikamente an die Landwirte und nehmen ihnen die schlachtreifen Hühner ab. Die Preise bestimmen die Konzerne. Das Risiko und die Aufzuchtskosten tragen die BäuerInnen.

Erzwungene Verrohung

Busse kritisiert auch die immer weitreichendere Verrohung, zu der LandwirtInnen systematisch gezwungen werden, indem ihnen eingeredet wird, es ginge nicht anders. Es sei „notwendig“, etwa schwache Ferkel sofort zu töten anstatt (wie früher oft üblich) hochzupäppeln. Die Autorin macht deutlich, wie sehr der neoliberale Wegwerf- und Schnell-Schnell-Gedanke Menschen, Tiere und Landschaft zunehmend ruiniert. Das allgemeine Burn-Out ist systembedingt.

Zu ihren Quellen – und auch zu ihrer Hoffnung – zählen die zahlreichen BäuerInnen, die aus diesem System ausgestiegen sind. Auch die Tatsache, dass sich gerade in Deutschland von Zivilgesellschaft und KonsumentInnen immer mehr Widerstand regt, ist für Busse ein Zeichen dafür, dass es so in der Landwirtschaft nicht weitergehen kann – und wird.

Peter Laufer: Bio? Residenz Verlag, St. Pölten 2015. 288 S., EUR 19,90

Tanja Busse: Die Wegwerfkuh. Blessing Verlag, München 2015. 288 S., EUR 17,50.

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