2. Dezember 2015  /// Energie Unternehmen Wirtschaft

Wer bezahlt den Preis? Die CO2-Finanzblase beschäftigt die Finanzmärkte.

Die CO2-Finanzblase

Auf der 16. Weltklimakonferenz 2010 im mexikanischen Cancun, haben die Teilnehmerstaaten das Ziel beschlossen, die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius zu begrenzen (gemessen an den Durchschnittstemperaturen vorindustrieller Zeit).

Eine vielbeachtete Studie der Carbon Tracker Initiative und der London School of Economics (LSE) rechnet vor, dass bis 2050 nur noch 900 Gigatonnen CO2 freigesetzt werden dürfen (bei gleichbleibend hohen Emissionen anderer Klimagase wie Methan etc.).

Würden alle bekannten Reserven an kohlenstoffbasierten Energieträgern verbrannt, lägen die CO2-Emissionen beim Dreifachen (2860 Gigatonnen CO2) dieser Summe. Anders formuliert: Bis 2050 dürfen nur 20% bis 30% der bekannten kohlenstoffbasierten Energieträger energetisch genutzt werden. Der (teure) Einsatz von CCS-Technologien (Carbon Dioxide Capture and Storage) würde diese „verbrennbaren“ Reserven (bis 2050) nur geringfügig um ca. 125 Gigatonnen erhöhen. Aus Klimaschutzgründen dürften zwischen 60% und 80% der Kohle-, Öl- und Gasreserven, in deren Besitz sich die Energiekonzerne oder Regierungen dieser Erde wähnen, für die Energieerzeugung in diesem Jahrhundert NICHT mehr genutzt werden.

Dies stellt nicht nur Energiekonzerne und Regierungen vor neue Herausforderungen, sondern auch Finanzmärkte und ganze Regierungen.

Erhebliche Wertberichtigungen erforderlich

Energiekonzerne weisen ihre Energiereserven in ihren Bilanzen als Aktiva aus.  In der Vergangenheit haben sie hohe Summen in die Suche und Erschließung von Öl, Gas und Kohle investiert. Die Kredite, die sie dafür aufgenommen haben, müssen zurückgezahlt werden. Und alle Energiereserven, die in der Erde bleiben müssen, bedürfen einer Wertbereinigung. Die Aktienwerte der betroffenen Konzerne würden sinken, die Unternehmen wäre deutlich weniger wert und alle Prognosen über künftige Erträge, die vor allem für Pensionskassen wichtig sind, müssten nach unten korrigiert werden. Dies ist nicht nur für die betroffenen Unternehmen sondern für alle Investoren, Aktionäre und Unternehmen ein Problem, die CO2-abhängige Unternehmen investiert haben.

Der oben zitierte Bericht, an dem auch der bekannte Ökonom Nicholas Stern mitgearbeitet hat, beziffert den Marktwert der 200 größten Erdölkonzerne auf 4 Billionen Dollar. Dies entspricht dem Bundeshaushalt der USA von 2015. Die Analysten der HSBC schätzen die  Wertberichtigungserfordernisse auf 40 – 60% dieser Summe, also zwischen 1,6 und 2,4 Billionen Dollar.

Die Allianz steigt aus Öl und Kohle aus 

Vor diesem Hintergrund ist eine vielbeachtete und hoch gelobte Entscheidung des deutschen Versicherungskonzerns Allianz zu verstehen. Ein Allianz-Konzernsprecher erklärte am 23. November exklusiv im ZDF, dass sein Unternehmen aus allen Bergbau- und Energieunternehmen aussteigt, die mehr als ein 30 Prozent ihres Umsatz mit kohlenstoffbasierten Energieträgern machen. Der Ausstieg soll über den Abverkauf der Aktien in den nächsten sechs Monaten erfolgen. Festverzinsliche Anlagen will die Allianz in den nächsten Jahren auslaufen lassen. In der gleichen Verlautbarung wies der Konzernsprecher der Allianz darauf hin, dass  er die Absicht habe, sein Engagement in die Windenergie massiv auszubauen. Allianzsprecher Gruber: „Wir haben bis heute etwa zwei Milliarden Euro in Windenergie investiert, und wir haben vor, diesen Betrag über die nächsten Jahre zu verdoppeln.“

Die Anti-Kohle- und Anti-Öl-Allianz wächst schnell 

Mit dieser Erklärung steht die deutsche Allianz weder alleine noch ist sie Vorreiter.  Wie der Guardian berichtete, hatte bereits am 13. Oktober der Gouverneur der Bank von England, Mark Carney, auf einem Weltbankforum darauf hingewiesen, dass der größten Teil der Erdölreserven aus Klimaschutzgründen nicht mehr genutzt werden dürfe und alle Investoren aufgefordert, dies in ihre Entscheidungen mit einzubeziehen.

Mehr als 160 Institutionen und lokale Regierungen und mehr als 500 Einzelpersonen hätten kurz vorher erklärt, dass sie  dem Geschäft mit dem Öl mehr als 50 Milliarden Dollar entziehen würden, um es in den nächsten fünf Jahren in saubere Energien zu investieren.

Ungefähr zeitgleich wurde bekannt, dass die Weltbank eine Koalition von 73 Nationen, 11 regionalen Regierungen und mehr als 1000 Investoren anführt, die sich dafür ausgesprochen haben, CO2 in Zukunft zu besteuern. Eine Forderung, die seit kurzem auch von IWF-Chefin Christine Lagarde  in die Öffentlichkeit getragen wurde. Sie erklärte, dass der IWF in Zukunft Regierungen dabei unterstützen werde, CO2-Abgaben einzuführen.

Energiekonzerne weltweit in der Defensive – Wer zahlt den Preis?

Das Peak Oil Szenario, das sich inzwischen abzeichnet, wird also keine Folge eines Mangels an kohlestoffbasierten Energieträgern (Kohle, Gas, Öl) sein, sondern es wird sich aus der Notwendigkeit heraus ergeben, diese Energiereserven aus Klimaschutzgründen nicht für die Energieerzeugung zu verwenden.

Ein so entstehender Angebotsüberhang wird sich als Preisverfall auf den Energieträgermärkten bemerkbar machen und dazu beitragen, dass die Herstellungskosten und Förderkosten für die Energieträger eine immer größere Rolle spielen werden.

Berücksichtigt man die Tatsache, dass EXXON erst kürzlich in den USA unter Anklage gestellt wurden, weil die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass EXXON (aber wohl nicht nur EXXON) mit großen Summen und wider besseren Wissens maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die amerikanische Öffentlichkeit systematisch über die Ursachen und Folgen des Klimawandels belogen wurde, dann kann man davon ausgehen, dass auf die US-Energiekonzerne in jeder Hinsicht schwierige Zeiten zukommen.

Das gleiche gilt für die großen EVUs in Deutschland, über deren Finanzkraft jetzt immer öfter spekuliert wird. Angesichts der extrem hohen Kosten für den Rückbau der Kernkraftwerke und die langfristige Lagerung der Kernenergieabfälle, sind dies für deutsche Steuerzahler durchaus beunruhigende Nachrichten.

Dass der Ausstieg aus Öl und Kohle in Europa begonnen hat, dafür gibt es weitere Hinweise. Der britisch-niederländische Ölkonzern Shell stellte kürzlich die Suche nach Ölreserven  in Alaska ein und der österreichische Ölkonzern OMV ist aus dem Bohrprojekt in der kroatischen Adria ausgestiegen. Shell hat seinen Verlust aus dem arktischen Abenteuer mit drei Milliarden US-Dollar beziffert (Buchwert des Projektes) und spricht von weiteren 1,1 Milliarden Dollar aus künftige Vertragsverpflichtungen.

Großbritannien hat erst kürzlich seinen Ausstieg aus der Kohle erklärt, Frankreich ebenso.

Diese Trendwende gilt allerdings keineswegs weltweit und auch nicht für alle Länder Europas. Polens Regierung verkündete kürzlich neue Kohlekraftwerke bauen zu wollen. Weltweit sind tausende Kraftwerke in Planung. Und selbst Deutschland läuft Gefahr, seine Klimaziele zu verfehlen, weil es sich immer noch nicht dazu durchringen konnte, aus der Braunkohle auszusteigen. Der Grüne Umweltsprecher Anton Hofreiter wies in diesen Tagen darauf hin, dass fünf der weltweit dreckigsten Braunkohlekraftwerke noch immer in Deutschland stehen..

CO2-Finanzblase für Europas Banken kein systemisches Risiko. Für die kapitalgedeckten Lebensversicherer im Einzelfall aber schon. 

Eine im Auftrag des grünen Europaabgeordneten Reinhard Bütikofer vom „Sustainable Finance Lab at the University of Utrecht“ erstellte Studie, geht der Frage nach, wie hoch die Risiken der C02-Finanzblase in Europa sind.

Die 20 größten Banken und die 23 größten Pensionsfonds wurden unter diesem Gesichtspunkt analysiert. Die Investments der Bankenindustrie in Unternehmen, die in hohem Umfang auf kohlenstoffbasierte Energie setzen, soll in einer Größenordnung zwischen 460 und 480 Milliarden Euro liegen. Zwei Banken sollen überdurchschnittlich betroffen sein: die französische BNP Paribas und die britische Standard Chartered. Betroffen wären auch die Societé Générale (Frankreich) und die BBVA, Spaniens zweitgrößte Bank. Am wenigsten berührt von diesen Risiken sind die Danske Bank (Dänemark) und die Rabobank (Niederlande) sowie Santander (Spanien).

Das Engagement der europäischen Pensionskassen in kohlenstoffbasierte Unternehmenswerte wird in dieser Studie auf 260 bis 330 Milliarden Euro geschätzt. Im Fall eines Platzens der CO2-Finanzblase wären die der britische „Universities Superannuation Scheme“ und der der ebenfalls britische Fonds „BAE Systems Pensions“ am stärksten betroffen. 12% bzw. 10% ihrer Investments wären von einem Werteverfall betroffen.

Alles in allem wird das Engagement der europäischen Finanzindustrien in kohlenstoffbasierte Werte auf mehr als eine Billion Euro geschätzt. Das Platzen der CO2-Blase soll auf kapitalgedeckte Alterssicherungssysteme deutliche, negative Auswirkungen haben, während sich die Verluste der Banken in Grenzen halten soll. Die rund 350 bis 400 Mrd. Euro, die Europas Banken, Versicherungen und Pensionsfonds alles in allem verlieren würden, halten die Experten für kein systemisches Risiko. Was aber nicht bedeute, dass es im Einzelfall kein erhebliches Risiko darstellen könne. Der Bütikofer-Bericht empfiehlt einen CO2-Stresstest für Banken, Pensionsfonds und Versicherungen, der von der Europäischen Bankenaufsicht und der EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions Authority) durchgeführt werden könne.

Energiekonzerne bereiten sich vor

Vor diesem Hintergrund dürften auch die Entscheidungen von EON und RWE zu interpretieren sein, ihr Geschäft in zwei Unternehmen aufzuteilen. Eines, in dem die zukunftsfähigen Geschäfte konzentriert werden, und eines, das die alten Geschäftsbereiche und damit verbundenen Risiken bündelt. Dass die Kernenergie in den Unternehmensbereichen bleibt, deren Zukunft ungewiss ist, sollte aber nicht unbeachtet bleiben.

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