11. November 2015  /// Energie Ressourcen Wirtschaft

Wie viel darf die Weltbevölkerung noch verbrauchen?

Am Beginn des 21. Jahrhunderts verbraucht die Weltbevölkerung jährlich 68 Milliarden Tonnen an Materialien. Das treibt den globalen Ressourcenverbrauch voran.

„Der steigende globale Ressourcenverbrauch führt unseren Planeten an die Grenzen der Belastbarkeit. Um drastische Folgen für die Lebensqualität der Bevölkerung weltweit zu vermeiden, sind tiefgreifende umwelt- aber auch wirtschaftspolitische Maßnahmen erforderlich, die den gesellschaftlichen Stoffwechsel von der Ressourcenentnahme bis hin zu den resultierenden Abfällen und Emissionen deutlich verringern“, warnt Fridolin Krausmann, Professor für Nachhaltige Ressourcennutzung am Wiener Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Aufgrund von fehlenden Daten wurden bisher die „Materialbestände“ vernachlässigt, welche aktuell bereits in Infrastrukturen, Gebäuden und langlebigen Gütern gebunden sind. Daher soll nun  mithilfe des Wissenschaftsfonds FWF ein neues Modell entwickelt werden, welches die globalen Materialflüsse – vom Aufkommen bis zur Entsorgung und Wiederverwertung – im Zusammenhang mit Materialbeständen ermittelt.

Das Verstehen langfristiger Entwicklungen ist notwendig

Um für die Modellentwicklung Materialbestände und -bedürfnisse besser abschätzen zu können, wirft das Projekt einen Blick zurück in die Vergangenheit: „Noch vor 200 Jahren, in der agrarischen Gesellschaft, war die energetische Basis die Sonnenenergie. Diese wurde Mitte des 18. Jahrhunderts durch fossile Energieträger wie Kohle und später Erdöl abgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Gesamtverbrauch an Ressourcen infolge von Massenproduktion und einem stärker wegwerf-orientierten Konsum verdoppelt und verdreifacht“, erläutert Krausmann.

„Wir untersuchen für verschiedene Weltregionen, wie sich diese Veränderungen im Ressourcenverbrauch in den Materialbeständen niederschlagen und wie diese Bestände wiederum den zukünftigen Ressourcenverbrauch beeinflussen“, so Krausmann weiter.

11 Weltregionen in 110 Jahren werden registriert

Der Zeitraum von 1900 bis 2010 soll für elf Weltregionen samt Materialbestände und -flüsse erfasst werden. In einem sogenannten dynamischen Stock-Flow Modell („MISO-Modell“) werden dabei 65 Materialgruppen differenziert.

Wesentlich dabei: Ein Top-Down Zugang, der Bestandszugänge innerhalb eines vordefinierten Zeitabschnitts beleuchtet und mit der Verweildauer einzelner Materialien kombiniert. Der zu erwartende Materialbestand und das Abfallaufkommen kann damit zu einem definierten Zeitpunkt berechnet und das Recyclingpotenzial erfasst werden.

Eine Berechnung von Szenarien bis zum Jahr 2050

„In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich bei den weltweiten Materialflüssen die Dominanz von den Industrienationen zu den Schwellenländern – insbesondere Asien – verlagert. Prognosen zukünftiger Verbrauchsmuster sind noch immer rar“, konstatiert Krausmann.

Daher werden die Materialbestände und -flüsse auf ihren Zusammenhang mit wirtschaftlicher Entwicklung, Wohlstand und anderen Indikatoren hin analysiert. Die daraus resultierenden Beziehungen erlauben dann die Berechnung von Stoffwechselszenarien bis 2050.

Fundierte Prognosen für die zukünftige Entwicklung des Materialbedarfs, der Abfallmengen sowie der Emissionen und Recyclingpotenziale sollen damit entwickelbar werden. Für politische Akteurinnen und Akteure sind diese Erkenntnisse von Nutzen, um plausible Reduktionsziele festzulegen und Maßnahmen zur Umsetzung einer nachhaltigen Ressourcennutzung zu planen.

Über Fridolin Krausmann

Seine wissenschaftliche Arbeit ist geleitet von der Idee, durch Verstehen vergangener Transformationsprozesse wichtiges Wissen für eine nachhaltige Entwicklung des gegenwärtigen sozio-ökonomischen Systems zu erwerben. Seine Arbeitsschwerpunkte sind im Kontext einer biophysischen Perspektive auf Industrialisierung vor allem gesellschaftlicher Stoffwechsel und Energiesysteme sowie Landnutzung und landwirtschaftliche Produktionssysteme. Als Gründungsmitglied von ZUG, dem Zentrum für Umweltgeschichte, ist er aktiv an der Etablierung dieses neuen Forschungsgebiets im europäischen Raum beteiligt.

 

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