20. September 2015  /// Gastkommentar Textil

Wie viel Kleidung benötige ich eigentlich?

Hanna Köttl

Bangladesch – im Fokus der Medien: Wenige Tage vor meiner Abreise stürzt eine neunstöckige Textilfabrik im Raum Dhaka ein. Rana Plaza – dieser Name sollte sich in den darauffolgenden Monaten noch in meinen Kopf einbrennen. Ein erstes Gefühl von Beklommenheit überkommt mich, als mir Google Maps den Ort des Geschehens anzeigt. Das Krankenhaus, in dem ich mein dreimonatiges Praktikum als Ergotherapeutin bestreiten werde, liegt weniger als einen Kilometer vom Einsturzort entfernt.

Das gewohnte Verdrängen von medialen Tragödien holt mich ein. Plötzlich scheint das mühselige Thema der Bekleidungsindustrie direkt an meine Tür zu klopfen. Und es dauert nicht lange, da schleicht das erste schlechte Gewissen in mir hoch.

Das Ankommen in Bangladesch

Savar ist geprägt von unbeschreiblicher Traurigkeit und Verzweiflung. Unüberschaubare Menschenmassen scharen sich auch nach Tagen noch um den Schuttberg. Das Skelett aus Beton und Stahl ragt bedrohlich über unsere Köpfen. Immer noch werden Lebende und Tote geborgen.

Ansonsten herrscht Chaos: Verweinte Gesichter, Vermisstenanzeigen in unterschiedlichsten Formaten und Varianten, betende Angehörige, FreundInnen und NachbarInnen. Eine nahegelegene Schule wird zur Leichenhalle umgewandelt. Verstörende Bilder.

Aber viel Zeit zum Trauern bleibt den Betroffenen nicht. Der raue Alltag – der bei nicht wenigen Menschen eher ein Überlebenskampf zu sein scheint – zwingt sie weiterzumachen.

In unserem Krankenhaus treffe ich vorwiegend auf weibliche Opfer. Teilweise blicke ich in sehr junge Gesichter. Diese jungen Frauen wollen oft weder den Namen noch das Alter nennen. Man klärt mich auf, dass Kinderarbeit in Bangladesch verboten sei und die Mädchen aus diesem Grund Angst vor den Konsequenzen hätten. Anscheinend könne ihnen somit das Anrecht auf medizinische Versorgung oder Kompensationszahlungen verwehrt werden.

Ein Gewitter zieht auf. Beim ersten Donner werfen sich die Frauen kreischend auf den Boden oder laufen wie von der Tarantel gestochen ins Freie.

Psychologische Betreuung kann in diesem ohnehin maroden Gesundheitssystem offenbar nicht gewährleistet werden.

Ich spreche mit den Menschen über die Textilindustrie in Bangladesch. Viele zeigen sich stolz über die führende Rolle Bangladeschs in der Textilbranche.

Die geringe Bezahlung der Textilarbeiter und -arbeiterinnen sowie die zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen sind durchaus bekannt. Auch die prekäre Sicherheitslage vieler Gebäude ist nicht neu. Im Fall Rana Plaza wurden die Frauen und Männer gezwungen, das Gebäude zu betreten, obwohl am Vortag ein polizeiliches Zutrittsverbot erteilt worden war. Im Zusammenhang mit Rana Plaza erinnern sich manche unserer Gesprächspartner auch an den Brand der Tazreen Textilfabrik 2012. Die Wut darüber, dass FabrikarbeiterInnen bewusst ins Gebäude eingesperrt wurden und verbrennen mussten, ist groß.

Wie gehe ich heute mit diesem Thema um?

Ein schlechtes Gewissen habe ich immer noch. Besonders wenn ich dieses unfaire System der Bekleidungsindustrie durch meine Einkäufe unterstütze.

Meine Erfahrungen haben mich zu einem Umdenken gezwungen. Mittlerweile gebe ich mein Bestes, hauptsächlich Kleidung zu kaufen, welche gewisse Kriterien erfüllt. Die Clean Clothes Campaign bietet Informationen zu den einzelnen Verkäufern und stuft sie in ihrer Fairness ein. Der Markt für faire, stilvolle Kleidung ist in den letzten Jahren ungemein gewachsen. Auch Flohmärkte haben einen neuen Stellenwert in meinem Leben gewonnen. Und die naheliegende Frage bei diesem Thema ist wohl, wie viel Kleidung benötige ich eigentlich?

Einen guten, weiterführenden Text über das Unglück und das Leid der Textilarbeiter des Rana Plaza Komplexes finden Sie hier: http://www.theguardian.com/world/2013/apr/25/bangladesh-building-collapse-voices-rubble

 

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