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Wien ist barrierefrei. Ja? Nein? Vielleicht?

Ist Wien so barrierefrei wie oft behauptet? Kann man in Wien problemlos barrierefrei Essen gehen und unterwegs sein? Eine Annäherung von Karin Chladek

Freitag nachmittags im „Oben“, einem Lokal am Gürtel, der zweiten großen ringförmigen Straße Wiens nach der Ringstraße. Wir, eine Runde von fünf Leuten, wollen ausprobieren, ob das so einfach geht, sich auf einen Kaffee und ein Gespräch zu treffen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt, denn: Zwei Menschen aus der Gruppe kommen mit dem Kinderwagen, einer im Rollstuhl, eine mit Krücken, eine ohne aktuelle körperliche Beeinträchtigung. Gleich vorweg: In diesem Lokal klappt das Treffen. Alle haben den Weg zum „Oben“ gut gefunden, alle konnten den geräumigen Lift benutzen und den Blick vom Dach der Hauptbücherei Wien genießen.

Etwas schwieriger war es für die erblindete Zoologin Elisabeth Martin, die später kommt. Der Lift und auch der Eingang zum Lokal – integriert in eine lange Glaswand – waren für sie schwer zu finden. Daran denken Sehende kaum. „Blinde Menschen brauchen ein Leitsystem. Das ist für Betriebe oft einfacher herzustellen, als es klingt. Beim „Oben“ würde es reichen, mit stolperfreien Teppichen Gäste vom Lift zur Tür zu leiten“, so Elisabeth Martin. Das kostet kaum etwas, nur die Beschäftigung mit dem Thema. Eine Hürde ist für blinde Menschen das Tastensystem, mit dem der Zugang zum Klo gesichert ist. Man muss einen Code eingeben. Die Ziffern sind aktuell aber nicht tastbar. Trotzdem: Im Vergleich zu den meisten Lokalen in Wien ist das „Oben“ top barrierefrei.

Georg Wallisch, der Geschäftsführer des „Oben“ zu seiner Motivation, sich mit Barrierefreiheit zu befassen: „Sie wird von unseren Kunden einfach stark nachgefragt. Das hat damit zu tun, dass viele unserer Gäste auch die nahe Hauptbücherei frequentieren. Da sind viele Menschen mit Einschränkungen und Eltern mit Kinderwagen dabei.“

Mehr zur Gastronomie später. Was ist eigentlich Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit nicht identisch mit Umbau

Bauliche Barrieren stehen bei Stadtplanung im Zentrum. Es gibt auch andere Barrieren. Barrierefreiheit betrifft nicht nur Menschen mit Behinderungen. Sie ist nicht gleichbedeutend mit „Rollstuhl-gerecht“ und auch kein „politisch korrektes“ Synonym für „behindertengerecht“. Die Umbau-Debatten haben dazu geführt, dass Barrierefreiheit in Österreich leider oft negativ konnotiert ist.

Barrierefreiheit betrifft aber nicht „nur“ Rollstuhlfahrende und bedeutet nicht immer kostenintensiven Umbau. Oft reicht es schon, eine Rampe oder einen Hinweis anzubringen. Das ist leider zu wenig bekannt. Barrierefreiheit hat auch viel mit Zugewandtheit und Empathie des Personals zu tun: Blinde können den „freien Tisch dort“ naturgemäß nicht sehen, sie schätzen es, hinbegleitet zu werden. Ein Tipp: Personal kann und sollte auch geschult werden. Meistens ist (nicht nur) bei  kleinen Betrieben das Geld der ausschlaggebende Grund, sich nicht mit Barrierefreiheit zu befassen, weil diese irrtümlich nur mit kostspieligem Umbau assoziiert wird. Umbauten müsste außerdem auch der Hauseigentümer zustimmen, und Hauseigentümer sind Geschäftstreibende oft nicht. Es gibt aber andere, flexiblere und weit günstigere Lösungen. Kurz gesagt: Barrierefreiheit ist nicht immer kompliziert und teuer.

Die Ingenieurin Maria Grundner von der Mobilitätsagentur Wien bestätigt: „„Barrierefrei“ wird auf Planung für alle Menschen bezogen, also ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Eltern mit Kinderwagen …“ Barrierefreiheit bedeutet für Menschen mit Sehbehinderung natürlich etwas anderes als für Menschen mit Hör- oder Mobilitätseinschränkung. Für Rollstuhlfahrer können zwei Stufen unmöglich allein zu überwinden sein, während diese Stufen für andere, die mit Krücken gehen, kein Hindernis darstellen. Für Eltern, die Kinderwägen schieben, sind Stufen mühsam. Es ist auch nicht einfach, einen Kinderwagen in eine Straßenbahn hoch zu hieven. Geschwächten und älteren Menschen fallen Stufen und längere Wege oft schwer.

Die Marketing-Spezialistin Karin Kuna hat als Tumor-Überlebende gemerkt, wie schnell jeder in die Lage geraten kann, eine barrierefreie Umgebung zu brauchen, wenn die körperliche Stärke schwindet: „Barrierefreiheit ist Menschenrecht und zugleich Wirtschaftsfaktor im Sinne von Zielgruppenerweiterung. Es heißt nicht umsonst: Eine barrierefrei zugängliche Umwelt ist für etwa 15 Prozent der Bevölkerung unbedingt erforderlich, für 30 bis 40 Prozent erleichternd, aber für 100 Prozent komfortabel.“

Das ist eine wichtige Botschaft an Planung, Politik und auch Wirtschaft, denn es sind eben nicht „nur“ Menschen mit Behinderungen, die von Barrierefreiheit profitieren. Die Zielgruppe ist größer – und wächst mit dem demografischen Wandel, der mitteleuropäischen Tendenz hin zu einer durchschnittlich älteren Bevölkerung. Auch wenn Senioren nicht gern daran erinnert werden: Mit steigendem Alter nehmen die körperlichen Einschränkungen zu. Natürlich gibt es einen Grund, warum gerade die Behindertenorganisationen und –sprecher der Parteien als Erste aufschreien, wenn es um Barrierefreiheit geht: Für Menschen mit Behinderungen ist Barrierefreiheit für eine gesellschaftliche Teilhabe eben unbedingt nötig. Im Gegensatz zu bleibenden Behinderungen heilen Gipshaxen wieder, auch körperliche Schwäche ist meist vorübergehend.

Ein Hauptproblem in Wien in Hinsicht auf Barrierefreiheit und Inklusion ist die Zugänglichkeit der Gastronomie. Zwei Drittel der Lokale in großen Geschäftsstraßen sind nicht zugänglich, wenn man auf einen Rollstuhl angewiesen ist oder einen schweren Gegenstand – etwa einen Trolley – zieht.  Außerdem problematisch: die vielen Geschäfte, die noch nichts in Richtung  Barrierefreiheit unternommen haben. Das ist einen extra Artikel wert, vor allem die komplexe Ursachenforschung.

Nur ein Drittel der Gastronomiebetriebe in Wiener Geschäftsstraßen sind überhaupt ohne Stufen, oder per Rampe oder Lift zugänglich, wie Rudi Maisriml von der Behindertenorganisation ÖZIV bestätigt: „Und da zumeist nur die Systemgastronomie“. Im Klartext: Hat man eine körperliche Einschränkung, steht aber nicht auf McDonald’s & Co, hat man es schwer. Eine zumindest für Rollstuhlfahrende barrierefreie Toilette haben noch weniger Betriebe. Damit ist ein längeres Verweilen oft ausgeschlossen.

Spontanes Treffen ist also nicht ganz so spontan möglich, sobald jemand mit einer körperlichen Einschränkung oder auch nur dem Kinderwagen dabei ist. Man benötigt gute Ortskenntnis und das Glück, ein barrierefreies Lokal in der Nähe zu kennen. Festzuhalten ist auch, dass der ÖZIV nur große Einkaufsstraßen näher untersucht hat. In Seitenstraßen existiert Zugänglichkeit bzw. Barrierefreiheit laut Maisriml nur in Ausnahmefällen. Als Praktiker erwartet Maisriml übrigens nicht, dass sich 2016 viel geändert haben wird.

An welchen Hebeln müsste man ansetzen, um in Sachen Barrierefreiheit schnell etwas zum Besseren zu verändern? „Schnell“ ist in Österreich bekanntlich so eine Sache. Manfred Srb, Ex-Nationalratsabgeordneter der Grünen und als Rollstuhlfahrer beim Treffen im „Oben“ dabei, hat trotzdem eine Antwort: „Man muss die Bauordnung ändern. Gastronomiebetriebe werden häufig umgebaut und sind danach oft trotzdem nicht barrierefrei, obwohl Geld für den Umbau investiert wird. Das macht keinen Sinn. Man müsste in der Bauordnung festlegen, dass Lokale nach einem Umbau barrierefrei sein müssen.“

Planungsprinzip Barrierefrreiheit

Was sind die größten Herausforderungen beim Unterwegs-Sein in Wien? Die erblindete Zoologin Elisabeth Martin empfiehlt dringend, Leitsysteme und Gehwege im Stadtraum nicht zu blockieren, etwa durch Baugerüste oder Schanigärten. „Wenn Gerüste nicht ausreichend gesichert sind, wird es für sehbehinderte Menschen lebensgefährlich“, so Martin.

Harald Frey, Verkehrsplaner an der TU Wien, betont: „Barrierefreiheit muss ein Planungsprinzip sein, also immer mitbedacht werden. Ein Mindestmaß an Barrierefreiheit für alle Gruppen gibt es nicht.“

Was es aber gibt, sind Prinzipien: Die Zugänglichkeit und Orientierung sollte auch für Menschen einfach sein, die nicht oder nicht lang gehen, nicht sehen oder schwer hören können. Oder auch für Menschen, die schwer tragen und deshalb für jede Erleichterung dankbar sind. Nicht immer sind Umbauten möglich und nötig.

Wirtschaftsfaktor

Barrierefreiheit ist kein sozialer Gnadenakt, sondern ein Wirtschaftsfaktor. Das wird in Österreich noch wenig verstanden, wie Äußerungen von Erwin Pröll zur Barrierefreiheit zeigen. Investitionen in Barrierefreiheit würden die Wirte ruinieren, meinte der Landeshauptmann Niederösterreichs. Nicht bedacht hat Pröll offenbar, dass die Gäste der Wirte älter werden. Die demografische Entwicklung spricht für sich. Mit steigendem Alter nehmen auch die körperlichen Einschränkungen zu. Für diese älteren Gäste UND die Einnahmen der Wirte wäre es gut, wenn Lokale auch für Gäste mit körperlichen Einschränkungen noch zugänglich wären.

Der Behindertensprecher der ÖVP, Franz-Joseph Huainigg, meint zu den Aussagen seines Parteikollegen: „Ab 2016 muss nicht, wie ausgesagt worden ist, jedes Landgasthaus barrierefrei umgebaut werden. Es gilt die betriebswirtschaftliche Zumutbarkeit.“

In anderen europäischen Ländern wurde das wirtschaftliche Potenzial der Barrierefreiheit schon früher erkannt: Zu einer Konferenz zum Thema „Barrierefreier Tourismus“ im deutschen Wirtschaftsministerium, die im Juni 2013 stattfand, wurden rund 150 Teilnehmende erwartet. Am Ende waren es 250. Manfred Srb erzählt davon, auf Teneriffa auch in kleinen Lokalen barrierefreie Toiletten vorgefunden zu haben. „Das müsste doch in Wien auch für gerade bei älteren Semestern beliebten Konditoreien selbstverständlich sein. Schon aus betriebswirtschaftlicher Vernunft.“

Unterwegs in Wien

Wie steht es mit der Barrierefreiheit der Wiener Linien? Eine Pressereferentin verweist darauf, dass Fahrgäste ihre barrierefreie Fahrt vorab über die Website der Wiener Linien oder die App „qando“ planen können.

De facto heißt das: Irgendwann kommt auf jeder Strecke der Wiener Linien – ob U- oder Straßenbahn – ein barrierefreies Gefährt. Dass sämtliche 104 U-Bahn-Stationen mit Liften und Blindenleitsystemen ausgestattet worden sind, ist natürlich anzuerkennen. Trotzdem bleibt noch einiges zu tun. Etwa die Hochflurstraßenbahnen („Turn-Trams“) schneller als bis 2025 durch Niederflurbahnen zu ersetzen. Natürlich kostet das Geld, auch der erklärten Stadt der Menschenrechte Wien. Zu bedenken ist: Auf manchen Strecken muss man aktuell manchmal mehr als 20 Minuten warten, bis eine Niederflurstraßenbahn kommt. Im regulären Verkehr. Gerade im Winter ein eisiges Wartevergnügen. Für Eltern mit Kinderwagen genauso wie für alle mit schweren Taschen, Trolleys, Rollatoren, oder Menschen im Rollstuhl.

Anmerkung: Der Kürze halber wird immer die männliche Form verwendet. Gemeint sind natürlich alle Geschlechter.

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