Manfred Ronzheimer
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1. Juni 2017  /// Bewegung

„Wir leben von der Solidarität unserer Leser“

Wie die taz vor 25 Jahren zur Genossenschaft wurde

Die Genossenschaft hat der taz, der linksalternativen Tageszeitung aus Berlin, das Leben gerettet. Ohne den Übergang vom Verein als Herausgeber zur Rechtsform der Genossenschaft wäre das seit 1979 bestehende Blatt nicht aus seiner finanziellen Schwierigkeiten herausgekommen. Daran erinnerten die „Dabeigewesenen“ im Rahmen einer kleinen 25-Jahr-Feier der Genossenschaft im Rahmen des diesjährigen „taz.lab“, dem Familientreffen der Lesercommunity.

Hans-Christian Ströbele, grünes Polit-Urgestein aus Berlin-Kreuzberg, war schon 1979 bei der Gründung des Alternativ-Blattes dabei. „Es gab bereits damals Überlegungen zur Genossenschaftsform“, erinnert er sich. „Aber man musste dafür die Anerkennung eines Genossenschaftsverbandes haben“. Das war für Wohnungsbauer und Landwirte gängige Praxis, aber nicht für ein Medienprojekt. Gegründet wurde dann der Verein „Freunde der alternativen Tageszeitung e.V.“. „Auf den Namen bin ich gekommen, inspiriert durch die Freunde der italienischen Oper“, kramt Ströbele in seinen Erinnerungen.

„Geld oder Ende“

Weil das Blatt im Unterschied zur normalen Presse keine gewerblichen Werbeanzeigen hatte und nur von den Abonnenten getragen wurde, fehlte es vorne und hinten an Geld. Praktisch jährlich wurde eine Spenden-Rettungsaktionen ausgerufen: „Gebt Geld, sonst ist die taz am Ende!“ Anfang der 90er-Jahre war allen klar: so konnte es nicht weitergehen. Aber wie sonst? Ein Teil der Redaktion wollte das inhaltlich nach wie vor renitente Blatt einem publizistischen Großinvestor andienen, um endlich anständige Löhne zu bekommen. Lieblingskandidat war der „Spiegel“ in Hamburg. „Ich war dagegen“, sagt Ströbele. „Das wäre inhaltlich nicht gut gegangen“. Der größere Teil der Belegschaft optierte für das Genossenschafts-Modell, das Olaf Scholz, heute Bürgermeister von Hamburg damals als Justitiar eines Genossenschaftsverbandes der taz vorgeschlagen hatte.

Manfred Ronzheimer
1991 wurde die taz-Genossenschaft gegründet. 2000 Leser zeichneten für drei Millionen D-Mark Genossenschaftsanteile und retteten die taz aus der damaligen Finanzkrise: Verursacht durch den Wegfall der millionenschweren Berlin-Förderung, die nach der Wiedervereinigung nicht mehr aus dem Bundesetat gezahlt wurde. Heute ist die Zahl der Genossenschaftsmitglieder auf knapp 17.000 angestiegen. Das Gesamtkapital von 16 Millionen Euro sichert die publizistische und ökonomische Unabhängigkeit der taz. „Eine solche Dimension hätte ich damals in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet“, sagt Hans-Christian Ströbele. Inzwischen baut sich die taz ein neues Verlagsgebäude für 20 Millionen Euro im Zentrum Berlins. „Wir bauen das neue Haus, weil die Genossenschaft Vermögen bilden soll“, erklärt taz-Geschäftsführer Karl-Heinz „Kalle“ Ruch die Investition.

Digitale Genossenschaft erschließt neue Finanzquellen

Im Internet hat die taz keine Bezahlschranke, was durch eine Art von digitaler Genossenschaft möglich gemacht wird. Vor sechs Jahren wurde bei den Online-Artikeln der Button „taz zahl ich“ eingeführt, über den eine Spende für die Gratis-Lektüre aktiviert werden kann. 9500 Personen sind jetzt dabei, die monatlich zwischen fünf und 150 Euro freiwilig zahlen. Nur 10 Prozent gehören zu den 50.000 Abonennten der Papier-Zeitung und auch nur 10 Prozent zu den Genossenschaftsmitgliedern. „So kommen 60.000 Euro im Monat zusammen“, berichtet Aline Lüllmann, die „taz zahl ich“ betreut. „Wir leben von der Solidarität unserer Leser“.

„Die taz-Genossenschaft ist ein Vierteljahrhundert gelebte Solidarität“, ist ebenfalls die Meinung von Konny Gellenbeck, Vorstand der Genossenschaft. „Verantwortung ist der Antrieb, Optimismus der Motor dieser Bewegung. Als die taz von einem Verein zu einer Genossenschaft wurde, waren die Prognosen mittelgrau bis düster, die Idee der Genossenschaft wurde belächelt.“ schreibt sie in einem Beitrag zum Silberjubiläum.

„Auch bei der Gründung der taz Panter Stiftung 2008 gab es keinen großen Geldgeber oder Mäzen, sondern 800 Menschen, die ihr Geld für eine gute Sache stifteten. Und voriges Jahr gaben 600 Genoss*innen 120.000 Euro, um für ein Jahr taz.gazete, das deutsch-türkische Onlineportal der taz, zu finanzieren.“

Weg in die digitale Medienzukunft

„Die Transformation der Presseverlage in die digitale Medienzukunft ist in vollem Gange“, stellt taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch fest. Sein Haus hat 250 Mitarbeiter, die taz-Gruppe erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 26.5 Mio Euro (2015). Werktäglich werden 59.000 Zeitungen gedruckt, fürs Wochenende sogar 79.000. 40.000 Abonnenten hat die Werkstags-taz, am Wochenende sogar knapp 50.000, 20 Prozent mehr. Laut Medienanalyse findet jede taz-Ausgabe im Durchschnitt 213.000 Leser. Im Internet hat taz.de pro Monat 6,5 Mio Page Impressions und 2,9 Mio Visits.

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Was mit alternativen Inhalten begann und zu einer alternativen Geschäftspolitik eines kleinen Presseverlages führte, könnte in Zeiten der Medienwandels auch zu einem Modell für die neue Organisation von gesellschaftlicher Öffentlichkeit werden. In schlechten wie in besseren Zeiten hat sich das Kollektiv der taz-Mitarbeitenden, wie es Ruch formuliert, „inzwischen das Vertrauen ihrer Leserinnen und Leser erarbeitet: Die taz gewann über alle Jahre etwas, um das andere Medienhäuser sie beneiden: eine lebendige, nicht gerade leise und ziemlich starke Community.“

Auf diese Potenziale werde es aber in der medialen Zukunft mehr denn je ankommen. „Kommunikation nicht mehr  als Einbahnstraße von Redaktion ins Publikum, sondern als dauerhafter, nicht nur gelegentlicher Prozess des Gesprächs zwischen Autor*innen und den Lesern und Leserinnen“, schreibt Ruch in seiner Zukunftsvision „Was rettet den Journalismus?“ Seine Antwort: „Ohne Community wird kein publizistisches Projekt überleben – weder auf Papier noch digital.“

(Der Autor ist freier Mitabeiter der taz)

Links und weitere Informationen:

Der Autor dieses Artikels Manfred Ronzheimer wird vom 2. bis 5. Juni Teil des GEA Waldviertler Pfingstsymposiums sein, das sich um das Thema gemeinsinnigen Wirtschaftens durch Genossenschaften dreht.
Sein Thema:
Das Mediensystem wandelt sich grundlegend, was auch die Arbeitsbedingungen für Journalisten verändert. Zu den neuen Formen des Journalismus 2.0 gehören auch betriebsorganisatorische Ansätze wie Mediengenossenschaften, die ein wirtschaftliches Überleben jenseits des klassischen Verlagssystems ermöglichen. Es eröffnen sich Chancen  für neue Beziehungen zwischen Journalist und Leser (partizipativer Journalismus) wie auch für alternative inhaltliche Ausrichtungen (konstruktiver Journalismus). 

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