24. August 2015  /// Bewegung Ressourcen Wirtschaft

World Resources Forum in Davos

In 50 Tagen, Mitte Oktober, trifft sich wieder die umweltpolitische Prominenz in den Schweizer Bergen: von Walter Stahel, einem Urgestein der politisch-wissenschaftlichen Debatte zum Ressourcenschutz über den ehemaligen EU-Umweltkommissar Janez Potocnik, der das Thema zu einem von 7 Leitthemen für Europa gemacht hat, bis zu Unternehmern wie Hubert Rhomberg aus Vorarlberg, der Hochhäuser aus Holz baut, die mit einem Bruchteil des „normalen“ Ressourcenverbrauchs auskommen.

Dass Davos neben dem Weltwirtschaftsforum nun auch zu einem regelmäßigen Gipfeltreffen der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Umwelt-Eliten einlädt, ist vor allem Friedrich Schmidt-Bleek zu verdanken. Im Frühjahr 2008 klagte der Vater der deutschen Chemikaliengesetzgebung und spätere Umweltrebell dem Chef der honorigen Eidgenössichen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt sein Leid, wie stichhaltige Umweltargumente noch immer nur wenig gegen die lauthals vorgetragenen wirtschaftlichen Argumente ausrichteten. Und dass Umweltschutz immer noch etwas sei, was sich reiche Volkswirtschaften nur dann leisteten, wenn die Wirtschaft boomt, während vor allem in den Schwellenländern der Ressourcenverbrauch immer weiter steige. Die beiden waren sich schnell einig: Obwohl manches erreicht worden sei und der „Klimaschutz“, wenn auch nicht höchste, so doch hohe Priorität genieße, brauche die Welt dringend neue Signale und Argumente, damit die Umwelt das erforderliche Gehör im politischen Diskurs bekommt.

Schmidt-Bleek hatte Anfang der 1990er Jahre die Umweltdebatte nachhaltig verändert, indem er sich dafür einsetzte, nicht mehr einzelnen Schadstoffen hinterher zu hecheln, sondern insgesamt weniger Ressourcen zu verbrauchen. Viel weniger. Er forderte eine Reduktion der „ökologischen Rucksäcke“ um 90% in den nächsten fünf Jahrzehnten. Weniger Ressourcen zu verbrauchen, so Schmidt-Bleek, sei dringend erforderlich und könne auch nicht verkehrt sein. Ressourcen verursachten nämlich dreimal Kosten: Sie müssten erst für teures Geld gekauft, dann unter großem Energie- und Arbeitseinsatz verarbeitet und schließlich in der einen oder anderen Form entsorgt werden. Nur ein Bruchteil der Ressourcen, die für die Herstellung benötigt würden, käme mit dem verkauften Produkt beim Verbraucher an, um dann eher früher als später auf dem Müll zu landen. Gut für die Wirtschaft, gut für die Arbeitsplätze, aber wahnsinnig ineffizient. Wir haben Schmidt-Bleek an dieser Stelle bereits mit einem Interview inklusive Videos portraitiert.

„Leute rauswerfen kann jeder“ kritisierte schon vor über 10 Jahren der Unternehmensberater Hartmut Fischer die Unternehmen, die ihre ganze Energie darauf verwenden, möglichst viele Arbeitsplätze weg zu rationalisieren, für die enormen Einsparpotentiale im Ressourcenbereich aber blind sind. Der Wirtschaftsforscher Bernd Meyer errechnete im Auftrag der Aachener Stiftung Kathy Beys das Potential von einer Million Arbeitsplätzen, wenn in Deutschland eine konsequente Ressourceneinsparungspolitik betrieben würde. Nötig seien dazu etwa flächendeckende Beratungsprogramme, wie sie die Effizienzagentur Nordrhein-Westfalen seit Jahren anbietet, aber auch eine Steuerreform, die die Arbeit entlastet, Ressourcen aber deutlich höher besteuert.

Über 70 Milliarden Tonnen Natur werden weltweit pro Jahr aus der Erde geholt oder geerntet: fast doppelt so viel wie vor 30 Jahren. Davon werden deutlich mehr als 10 Milliarden Tonnen international gehandelt. Die Grafik (Kasten) zeigt den weltweiten Handel mit Ressourcen, der sich in den letzten 30 Jahren beinahe verdreifacht hat. Und dieser Trend ist ungebrochen – vor allem in den sogenannten Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas, die nicht nur für sich, sondern vor allem für den Konsum in Europa, USA oder Japan produzieren. Auch Deutschland verdankt seine Exportkraft letztlich dem Import dieser Rohstoffe. Der Ressourcenverbrauch ist weltweit sehr ungleich verteilt (siehe Grafik auf dieser Seite). Während in Deutschland etwa 15 Tonnen pro Kopf verbraucht werden, sind es in Mosambik nur zwei.

Ressourcenverbrauch dieses Ausmaßes bedeutet gravierende Veränderungen der ökologischen Gleichgewichte auf dem Planeten: Klimawandel und Artensterben, Wassermangel, Ausbreitung von Wüsten und die Gefährdung der Ernährungssicherheit sind nur die heute schon am deutlichsten zutage tretenden Auswirkungen. Was deshalb gebraucht wird ist eine „Ressourcenwende“, hin zu einer deutlich gesteigerten „Ressourcenproduktivität“: Lebensqualität, die auf einem deutlich geringeren Ressourcenverbrauch basiert. Schmidt-Bleek hat sein Lebenswerk in dem Buch „Grüne Lügen“ (Ludwig Verlag, München, 2014) noch einmal zusammen gefasst.

Auch wenn das von Schmidt-Bleek und Edelmann gegründete „World Resources Forum“ in Sachen Glanz und Glamour mit dem World Economic Forum in Davos nicht mithalten kann -, unter anderem weil es mit einem bei weitem bescheidenerem Budget auskommen muss – für das Thema globale Ressourcenpolitik ist es zum Dreh- und Angelpunkt geworden. 2012 fand die Veranstaltung erstmals in Beijing statt, 2014 in Arequipa, Peru, während das erste Europäische und auch ein nationales Ressourcenforum in den ungeraden Jahren in Berlin tagt. Anfang 2015 wurde in Salzburg ein österreichisches Ressourcenforum ins Leben gerufen. Es folgt der Einsicht, dass Ressourceneffizienz nicht allein in Städten realisiert werden kann, wo die meisten Menschen leben und konsumieren, sondern auch dort, wo die Ressourcen gewonnen und weiterverarbeitet werden: in den ländlichen Räumen – bei uns in Europa und überall auf der Welt.

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