Christine Ax
Bild: Christine Ax
26. Juni 2015  /// Gesellschaft

Willkommen im Zeitalter des Loslassens

 

Wien, im September 2014.

Junko, Du sprichst und schreibst neuerdings über eine Generation“ De“. Was meinst Du damit?p9qig7gh

Junko Edahiro: Wir beobachten seit längerem  eine Entwicklung in der japanischen Gesellschaft die ich mit drei Begriffen charakterisiere, die  mit „De-„ beginnen: De-Ownership, De-materialization, De-monetization“.  Das ist der Grund, warum ich vom Zeitalter des „De-„ spreche. Die Silbe „De“ hat hauptsächlich mit Loslassen zu tun. Das erste „De“ betrifft den Besitz. Es gibt einen Trend vom Besitzen zum Teilen. Japanische Autohändler versuchen inzwischen verzweifelt jungen Leuten Autos zu verkaufen aber die entscheiden sich immer öfter dafür, ein Auto zu teilen. Der Besitz von Autos ist uncool.

Das zweite “De-“ betrifft die Beziehung zu materiellen Gütern, zum Konsum. Wir beobachten eine De-Materialisierung des Glücks. Anstatt zu konsumieren, suchen und finden immer mehr junge JapanerInnen ihr Glück in Beziehungen zu anderen, in der Natur und im Einklang mit sich selber. Das dritte „De“ hat mit dem Thema Geld zu tun. Viele Menschen suchen ihr Glück jenseits der geldgetriebenen Strukturen. Ich denke z. B. an den „Halb-Farmer, halb-X“ Lebensstil. Dieser Lebensstil verbreitet sich in Japan recht schnell.

Warum ist das so?

Junko Edahiro: Die “De”-Generation arbeitet nicht so gerne für Geld. Es ist ihnen nicht so wichtig. Und sie haben kein Interesse daran Karriere in einem Unternehmen zu machen. Sie klettern lieber auf eine Leiter und ernten Äpfel. Sie haben erlebt wie ihre Eltern sehr hart für denökonomischen Erfolg, für Wirtschaftswachstum und den Profit von Unternehmen gearbeitet haben. Und sie haben gesehen, welch hohen Preis man dafür bezahlt. Denn ihre Eltern hatten überhaupt keine Zeit für sich selber und für ein gutes Leben.

Sie haben beobachtet, dass das Wirtschaftswachstum, das bisher im Zentrum der japanischen Gesellschaft stand, sehr viel zerstört. Es hat Einsamkeit, Stress, Burn-out und andere psychische Probleme zur Folge. Japan hat eine sehr hohe Selbstmordrate. Der ländliche Raum blutet aus, es gibt den Klimawandel und einen deutlichen Verlust an Artenvielfalt. Die Generation „De“ möchte den Beweis antreten, dass man sein Glück finden kann, ohne anderen Menschen und Ländern, der Natur oder künftigen Generationen Schaden zufügt. Sie will  einen Lebensstil etablieren, der wahrhaft gut für uns selber und nachhaltig für uns alle und die Erde ist.

Gibt es dafür Beispiele?

Junko Edahiro: Ja. Der junge Japaner Naoki Shiomi ist nur einer von ihnen. Er entschied sich dagegen, sein ganzes Leben einem japanischen Unternehmen zu opfern, nur um eine Familie ernähren zu können. Er wollte  sein Leben sinnvoller gestalten. Now Shiomi entschied sich für den Lebensentwurf „Halb-Farmer, Halb-X“. Sein Beispiel hat viele Japanerinnen inspiriert. Als Teilzeit-Farmer bebauen sie ein Stück Land und produzieren so die Lebensmittel für sich und ihre Familie. Und die restliche Zeit tun sie die Dinge die sie glücklich machen und ihnen am wichtigsten erscheinen. Sie leben ihre Berufung. Sie haben weniger Einkommen – aber mehr Zeit für sich und ihre Familien und Freunde. Und sie haben die Zeit, das zu tun, was sie wirklich, wirklich wollen. Ich kenne z.B. „Halb Farmer – Halb-Sänger“, einen „Halb-Farmer – Halb-Schriftsteller“, und „Halb-Farmer-Halb-Umweltaktivisten“.

Japan Generation De

Was erhoffst Du für die Zukunft Japans?

Junko Edahiro: Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen  fragen, ob ihr Leben wirklich nachhaltig ist und zwar nicht nur für sich selber, sondern auch für andere Menschen und die Welt. Dass sie Teil der „De“-Generation werden und ihren persönlichen „De“-Lebensstil finden. Dieser Weg zum Glück ist für alle die in Harmonie und im Einklang mit der Natur leben wollen und ihr Glück suchen, sehr wertvoll. Alle sprechen heute über Nachhaltigkeit. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass wir dann nachhaltig sein und leben können, wenn wir die alten mentalen Muster loslassen und auf das konzentrieren, was wirklich wichtig für uns ist und was uns wirklich gut tut.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Junko Edahiro: Wir brauchen Unternehmen, die diese neuen Lebensstile unterstützen, die Häuser oder Wohnungen oder andere Produkte anbieten, die Menschen mieten oder teilen können oder die sich neue Mobilitätsangebote einfallen lassen. Dieser Wandel in den Konsumgewohnheiten und Lebensstilen  braucht UnternehmerInnen, die diese Trends verstehen und spezielle Angebote machen. Es wird auch in Zukunft noch einen Bedarf für neue Geschäftsideen und Innovationen geben. Hier ist Unternehmergeist gefragt.

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Junko Edahiro ist eine der wichtigsten Nachhaltigkeitsexpertinnen Japans. Die Psychologin ist Geschäftsführerin  von Japan for Sustainability  und Präsidentin des Institute for Studies in Happiness, Economy and Society (ISHES)

Das Interview führte Christine Ax. Es wurde am Rande eines Besuches von Junko Edahiro in Wien geführt, wo Junko Edahiro am Sustainable Europe Research Institute  einen Vortrag hielt, der auf YouTube hier zu sehen ist.

Eine Antwort zu “Willkommen im Zeitalter des Loslassens”

  1. […] Willkommen im Zeitalter des Loslassens Akteure der Nachhaltigkeit wollen nicht nur das Energiesystem, sondern auch die Gesellschaft umbauen von Magdalena Vallazza Fukushima, Smog in Tokyo und viel Plastik – das sind herkömmliche Assoziationen, die mit der ostasiatischen Nation in Verbindung gebracht werden. Es gibt aber auch andere Botschaften: So versucht Japan, sich immer stärker als Nachhaltigkeits-Vorbild darzustellen. Bereits 2013 hatte […]

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