BOTTOM UP: WIE BABYS UND DIE BLUE ECONOMY DIE STADT VERÄNDERN

Berlin, 23. Oktober 2015. „Arbeiten wir mit dem. was wir haben, ändern wir heute, was wir heute ändern können.“ Gunter Pauli, charismatischer Förderer einer „Blue Economy“, kündigte in einem kleinen, aber feinen Rahmen in der Aula der „Evangelischen Schule Berlin Zentrum“ das nächste Projekt an, mit dem er und seine MitstreiterInnen, die Welt zu einem noch besseren Ort machen wollen. „Bottom up“ beschreibt in diesem Fall nicht nur die für  Blue Economy-Projekte charakteristische Vorgehensweise, den ökologischen und gesellschaftlichen Wandel mit gesellschaftlichen Akteuren und lokal voranzutreiben, sondern ist wortwörtlich zu verstehen.

„Bottom“, so Pauli, bedeute im Englischen auch „Gesäß“. Ein Körperteil, der bei Groß und Klein ganz unverzichtbare Aufgaben für den notwendigen Stoffwechsel mit der Natur übernimmt und  – in Kreisläufen gedacht – nicht nur das Ende, sondern auch der  Anfang eines in jeder Hinsicht fruchtbaren und erfreulichen Stoff- und Geldkreislaufes werden soll.  Soweit die Theorie.

Inkontinenz 2.0  

Nun zur Praxis: Babys, die ja bekanntermaßen in den ersten Monaten und Jahren zur Inkontinenz neigen, entledigen sich mehrmals täglich der Reststoffe, die sie nicht für ihr Wachstum benötigen. Dies geschah bisher – in ökonomischen Kategorien gedacht –  vor allem zur Freude der zwei multinationalen Konzerne, die den Windelmarkt dominieren.

Für die glücklichen Eltern und die öffentlichen Haushalte hat dieser an sich erfreuliche Vorgang auch Nachteile. Die zu Hightech Produkten evolvierten Windeln kosten Geld, sie fördern keineswegs den Wunsch der Kleinsten, ihren Stoffwechsel selbst zu kontrollieren, und die Kommunen greifen tief ins Steuersäckel für die Entsorgung der Reststoffe ihrer künftigen SteuerzahlerInnen. 4 – 6 % der kommunalen Abfallentsorgungskosten sind dem Windelaufkommen geschuldet. Das könnte jetzt anders werden. Von Berlin aus werden an diesem Wochenende neue Signale in die Welt gehen.

Maschinen, die in Zusammenarbeit mit der Universität Berlin entwickelt werden, produzieren in Zukunft kompostierbare Windeln. Eltern erhalten fußläufig erreichbar im Tausch gegen gut gefüllte „Vollwertwindeln“ unbenutzte Windeln geschenkt. Die Vollwertwindeln werden unter Hinzufügung von Kohle und weiteren biologischen Abfällen zentral zu Terra Preta weiterverarbeitet. Die Terra Preta lässt Bäume wachsen, die sowohl als Rohstoff für die Windelproduktion als auch als Nährstoffquelle für Eltern und Kinder geeignet sind. Und eine bunte Vielfalt von Obst- und anderen fruchttragenden Bäumen sollen – wenn es nach Pauli und seinen MitstreiterInnen geht –  unsere Städte endlich in einen Garten Eden verwandeln.

200 Innovationen, 4 Milliarden investiert und 3 Millionen Jobs 

Das Windelprojekt ist nicht der erste Coups, mit dem Gunter Pauli und seine UnterstützerInnen die Welt zu einem besseren Ort machen. Die zweite Auflage seines Buches „The Blue Economy: 10 Jahre – 100 Innovationen – 100 Millionen Jobs“ erschien kürzlich unter dem Titel „Blue Economy Version 2.0: 200 Innovationen, 4 Mrd. Dollar investiert, 3 Millionen neue Jobs“.

Der 1956 geborene Unternehmer, der heute in Japan lebt und lehrt, ist Abgänger der französischen Business School  INSEAD. 1994 gründete der Vater von sechs Kindern, der am liebsten Märchen schreibt und mit Kindern arbeitet,  ZERI (Zero Emissions Research and Initiatives), ein weltweites Netzwerk, dem heute 3000 „Scholars“  und 1000 UnternehmerInnen angehören, die gemeinsam Strategien und Beispiele dafür entwickeln, dass andere Wirtschaftsweisen möglich sind. Die Businessmodelle und Produktionsverfahren made by ZERI sind open source. Sie dürfen also von allen genutzt werden.

Seit seinem letzten Vortrag in dieser Runde, so Pauli, habe es grosse Fortschritte gegeben. Damals seien jährlich nur 18000 Tonnen Steinpapier in Taiwan hergestellt worden. Inzwischen habe China erklärt, seine gesamte  Papierproduktion auf das Steinpapierverfahren umzustellen. Für die Herstellung einer Tonne konventionellen Papiers seien 60 Tonnen Wasser erforderlich. Steinpapier hingegen könne ohne Wasser hergestellt werden und könne immer wieder recycled werden.

Revolutioniert Kaffee auch die Speichertechnologie?  

Auch das Forschungs- und Handlungsfeld rund um den Kaffee entwickle sich prächtig. Pauli kündigte an, dass Batterien in der Entwicklung seien, die mit Hilfe von Kaffeeinhaltsstoffen Wasserstoff speichern könnten.  Mit Rohstoffen, die schon verfügbar seien, könne dann ein mörderischer Bergbau vermieden werden. Pauli: „Wenn Lithiumbatterien tatsächlich die Zukunft sind, kann man sich heute schon vorstellen, in welchem Umfang Bolivien zerstört werden wird. Und sie können sich auch vorstellen, wer sich die Bergbaulizenzen in Bolivien schon gesichert hat. Das sind immer dieselben.“

Inzwischen gebe es weltweit 3500 Orte, an denen bisher ungenutzte Fraktionen der Kaffeeproduktion zur Quelle neuer Wertschöpfung würden. Nunmehr auch für die Herstellung von Textilien. Und selbst Deutschlands größter Kaffeehersteller frage sich neuerdings, warum er bisher nur mit 0,02 % der Kaffeebohnen Geschäfte gemacht habe und die anderen 98,8 % der Kaffeebohne links liegen lasse.

Mit dem arbeiten, was wir schon haben

Mit sehr viel Charme und Witz warb Pauli über zwei Stunden für eine Wirtschaft, „die mit dem arbeitet, was schon da ist“. Pauli: „Wir bekommen vor allem dann Probleme, wenn wir mit den Stoffen arbeiten, die wir nicht in ausreichenden Mengen zu Verfügung haben.“ Der Übergang vom Mangel zu dieser Art von Überfluss sei erforderlich, da weltweit viele Menschen im Mangel lebten. Dass die Wirtschaft nicht unendlich wachsen könne, sei dennoch wahr. Das ändere aber nichts daran, dass für nachhaltige Businessmodelle und Wirtschaftsweisen gegenwärtig erst noch einmal sehr viel Luft nach oben sei.

Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten der Blue Economy mit den „Cradle-to-cradle“ Prinzipien antwortete Pauli, dass er Verständnis dafür habe, dass der Cradle-to-cradle Chefdenker Michael Braungart als Chemiker überall Moleküle sehe. Für die Blue Economy und ZERI stehe die Entwicklung von Businessmodellen im Vordergrund, die die Gesellschaft als Ganzes einbeziehe. Beides habe seine Berechtigung.

Deutschland: Es wird viel geredet und wenig getan 

Für Deutschland hatte Pauli immer wieder sanften Spott übrig. Ganz Europa leide an einer Art „Dis-Aktion“ Pauli: „Wenn meine Tochter in Afrika DorfbewohnerInnen erklärt, wie sie Abfälle für den Anbau von Pilzen nutzen können, dann freuen die sich, stehen auf, singen und tanzen und tun es einfach. In Deutschland wird über alles vor allem geredet, gestritten, geforscht oder es werden Artikel geschrieben. Gehandelt wird viel zu selten.“

Breiten Raum nahm das oben kurz angesprochene Dycle-Projekt ein. Den Stein ins Rollen brachte die Künstlerin und Unternehmerin Ayumi Matsuzaka, die für ihre Arbeiten den ZERI Award 2015 verliehen bekam. Die Japanerin lebt seit 2005 in Berlin. Im künstlerischen Kontext hat sie bereits in verschiedenen Projekten den Energie- und Stoffkreislauf der Natur zum Thema gemacht.

Babynahrung aus städtischer Produktion

Pauli: „Ich war so inspiriert von Ayumis Arbeiten, dass ich dachte, wir müssen und können dafür ein Geschäftsmodell entwickeln.“ Weltweit, so Pauli, machen zwei Konzerne insgesamt 40 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr mit dem Verkauf von Windeln, die am Ende ihres Lebenszyklus 4 – 6 % aller kommunalen Entsorgungskosten verursachten. Auf Basis der jährlichen Windelproduktion eines Babys könnte heute schon genügend Nährstoff erzeugt werden, um 1000 kleine Bäume wachsen zu lassen. Pauli forderte Städte, in denen statt teurer, unfruchtbarer Straßen- und Parkbäume, eine bunte Vielfalt an Obst- und anderen Nutzbäumen und -sträuchern die Straßen und Parks bereichern. Die Baby-Fertignahrung,  die heute zum Teil auf Basis von Obst- und Gemüseimporten aus aller Welt  hergestellt werde, könne in Zukunft dann aus städtischem Anbau kommen.

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