WENN SOZIOLOGEN ÜBER POSTWACHSTUM, GRENZEN UND TRANSFORMATION DISKUTIEREN

Die Konferenz „Wachstum im Wandel 2016“ dreht sich um verschiedene Aspekte des sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Wandels. Wir berichten darüber in einem Schwerpunkt. Raimund Dietz nimmt heute in einem Gastkommentar zu einer Session mit dem Titel „Jenseits von Wachstum und Post-Wachstum“ Stellung.

Gastkommentar von Raimund Dietz
(Entstanden bei der Konferenz „Wachstum im Wandel 2016“)

Über Transformation einer Gesellschaft in eine neue Gesellschaftsordnung durch Grenzsetzungen zu diskutieren, gleicht dem Versuch, die Quadratur des Kreises zu lösen, zumal die bestehende Gesellschaft ihrem Wesen nach eine entgrenzte ist, die aber deshalb nur floriert, weil sie sich selbst ständig neue Grenzen setzt. Bei aller kritischen Distanz zum „Kapitalismus“ sollte man davon ausgehen, dass die moderne Gesellschaft das Erfolgsmodell der Weltgeschichte ist. Sie ist so erfolgreich, dass man ihr angesichts der Naturzerstörung, die mit diesem Modell intrinsisch verknüpft zu sein scheint, neue Grenzen setzen muss. Die Idee besteht darin, dass das vor allem eine Begrenzung des Wachstums sein müsse. Es ginge darum, die kapitalistische Wirtschaft endlich in einen kreislaufförmigen, ökologisch verantwortbaren und sozial gerecht arbeitenden Mechanismus überzuführen. In dieser Beziehung, so eine Teilnehmerin, dürfe man keine Kompromisse eingehen.

Es ist ja begrüßenswert, wenn man große Themen angeht. Dass man das in den Sozialwissenschaften so selten tut, scheint aber damit zusammenzuhängen, dass dann die Bodenhaftung sofort verloren geht. Sie geht deshalb verloren, weil angesichts der Zersplitterung der Sozialwissenschaften kaum noch eine Vorstellung vorhanden ist, wie die moderne Gesellschaft funktioniert, wo man etwas ändern kann und muss, und was man nicht nur als notwendiges Übel hinnehmen müsste, sondern als menschheitliche Errungenschaft zu feiern wäre. Die Folge dieser fehlenden Grundlage und Grundübereinstimmung in den Sozialwissenschaften ist der „normative Überhang“, durch den man das Unwissen über das Bestehende und damit das fundamentale Nichteinverstandensein mit diesem zu kompensieren versucht. In einem anderen Seminar war vom „value-action gap“, auf deutsch: der Kluft von Werten und Handlungen, die Rede. Der „normative Überhang“ ist natürlich auch ein hervorragender Grund, die Thematik ins Uferlose zu erweitern, und damit – ungewollt — neue Handlungsblockaden aufzubauen. So entfernt sich die Wissenschaft von der Realität, die sie nicht nur „begreifen“, sondern auch verändern möchte.

Das wird den hoch-reflektierenden Diskutanten gelegentlich selbst bewusst. Den vielfach naiv überzogenen Erwartungen auf eine tiefgreifende Transformation setzt Beate Littig (IHS) vorsichtig den Begriff „alltägliche Lebensführung“ entgegen, die Ausdruck „eingefleischter“, auch durch die Verfügung billiger Energie möglich gewordener Produktions- und Konsumkultur geworden ist.

Man spielt das dann an einfachen Beispielen durch. Die CO2-Bilanz will man durch Reduktion von Fleisch, Fliegen und Wohnen entlasten. Ob man das, so fragt eine Dame aus dem Bundeskanzleramt durch eine Reduktion über alle erzwingen solle oder könne? Am Nachdenken darüber wird sofort sichtbar, wie schwierig die Übersetzung planetarischer Überlegungen in individuelle Lebensgestaltungen sind.

Sinkende Wachstumsraten – für den Mainstream ein Horror – werden als Zeichen der Hoffnung interpretiert. Man scheint sich schon sicher zu sein: hier kündigt sich eine neue Chance für eine vernünftigere Gesellschaft an. Meinen Einwand, Wirtschaft sei schon deshalb auf ein gewisses Wachstum angewiesen, weil niemand investieren werde, wenn er nicht erwarten könne, mehr Geld zurückzuverdienen, als er investierte, wollte das soziologisch besetzte Podium nicht gerne hören. Die Antwort lautete: Es gelte doch, das Profitprinzip zurückzudrängen. Das würde ich ja auch nicht in Abrede stellen wollen. Aber auch ein zurückgedrängtes Profitprinzip wäre nicht nur weiter wirksam, sondern in einer arbeitsteiligen Gesellschaft (nur arbeitsteilige Gesellschaften sind Gesellschaften) unverzichtbar, weil Unternehmer zur Wahrnehmung der Nützlichkeit ihres Handelns auf der Differenz von Einnahmen und Ausgaben – sprich Profiten – angewiesen und diese auch einstreichen müssen, um auf Märkten bestehen zu können.

Wenn Sozialwissenschaftler auf große Fragen Antworten suchen, etwa darauf, wie man den Kapitalismus in eine höhere nachhaltige Formation transformieren könne, sollten sie mit basal-banalen Grundlagen des Funktionierens von Gesellschaften einigermaßen vertraut sein. Man kann nur nach oben springen, wenn die Grundlage, auf der man steht, fest gebaut ist.

Raimund Dietz beschäftigt sich beruflich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema Geld und der Frage nach einer neuen Geldordnung. Als Autor veröffentlichte er zuletzt „Geld und Schuld ‑ eine ökonomische Theorie der Gesellschaft“. Auch für uns hat er schon einen Gastkommentar zu diesem Thema verfasst.
Mit N21 hat er über die „Wachstum im Wandel“- Konferenz in Wien berichtet, auf dem dortigen Live-Blog und jetzt auch auf n21.press.

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