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8. Oktober 2015  /// Bewegung Gesellschaft Politik

Andersorte: Gemeinsam die Zukunft gestalten

Salzburg, im Oktober 2015: Was muss passieren, damit in Salzburg ein Zukunftsdialog zwischen allen wichtigen gesellschaftlichen Akteuren und der Zivilgesellschaft gelingen kann? Auf diese Frage will eine systemische Aufstellung eine Antwort finden, die am Rahmen der Veranstaltung „Andersorte“ in St. Virgil, Salzburg, ihren Lauf nimmt.

Schnell sind die Rollen verteilt. Acht StellvertreterInnen suchen ihren Platz. Die Ausgangslage, so viel wird sehr schnell klar, ist nicht einfach. Die Politik interessiert sich kein bisschen fürs Volk, sagt sie. Die Jugend gibt auf den Appell der Bildung, ihr endlich zu sagen, was sie von ihr erwartet, keine Antwort. Die Wirtschaft stellt sich selbstverständlich in die Mitte, hat aber keinen Kontakt zu den anderen Akteuren, während die ArbeitnehmerInnen schmollend und unverstanden in der Ecke stehen. Die Zivilgesellschaft schaut dem Ganzen interessiert zu. Und das „Große Ganze“, das Gemeinwohl weiß nicht wirklich, wo sein Platz ist, und wandert mal nach hier und mal nach dort.

Menschen wünschen sich Fairness

Ich bin an diesem 2. Oktober interessierte Teilnehmerin der Veranstaltung „Andersorte“, die am Vorabend mit dem Vortrag des Neurologen Joachim Bauer begann. DSC05390Der Bestsellerautor, der nicht nur Neurologe ist, sondern auch Psychotherapeut, fasste den Stand der Neurowissenschaften zum Thema Kooperation zusammen.

„Freud irrte“, sagt er. „Menschen haben keinen Aggressionstrieb.“ Das Gegenteil sei der Fall. Menschen wünschten sich vor allem Anerkennung und Zugehörigkeit, stellt er klar und seien so stark von der Akzeptanz ihrer Mitmenschen abhängig, dass sie oft auch problematische oder dumme Dinge täten, nur um akzeptiert zu werden. Facebook sei voller Beispiele dafür. Der Mensch sei aber nicht nur mit den Fähigkeiten ausgestattet, mitfühlend, fair und solidarisch zu sein, er könne auch langfristig denken. Allerdings: Soziales Verhalten müsse gelernt und einstudiert werden. Von klein auf. Der Wunsch „dazu zu gehören“, nach Anerkennung und Gemeinschaft, erkläre, warum Diskriminierung, Demütigung, Ausgrenzung, aber auch Ungerechtigkeit und unfaire Behandlung von Menschen als tiefer Schmerz erfahren werde. Dies könne Aggressionen auslösen. Dies gelte übrigens nicht nur für direkt Betroffene, sondern auch für Zeugen. Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit, ein Mangel an Fairness mache Gesellschaften unglücklich und krank.

Rollen neu definieren 

Am Morgen vor der Aufstellung hatten zwei ExpertInnen aus Wien die großen Themen vorgestellt, vor denen man stehe. Sie sprachen die Folgen des Klimawandels, die Flüchtlingsproblematik, soziale Ungleichheit, die Ausbeutung von Natur und Menschen überall auf der Welt an. Und sie machten deutlich: Alles hängt mit allem zusammen. Lösen ließen sich diese Probleme nur, wenn Vieles anders würde, das gelte auch für Salzburg.

Neue Antworten finden, Rollen neu definieren, anders miteinander umgehen, Räume schaffen, in denen das Neue in die Welt kommen kann, waren von vornherein die Vorzeichen gewesen, unter dem „Andersorte“ von einem breiten Bündnis Salzburger Akteure konzipiert worden war. Mit dabei: die Sozialpartner mit ihren beiden Kammern, Südwind, die Erzdiözese, das Robert-Jungk-Institut und die Erwachsenenbildungseinrichtung St. Virgil Salzburg.

Doch wie schwer es fallen kann, eine optimale Akteurskonstellation zu finden, dafür ist die anfangs beschriebene Aufstellungsarbeit, die von uns ZuschauerInnen mit großer Anteilnahme und Begeisterung begleitet wird, ein gutes Beispiel.

Die Nähe zum Gemeinwohl ist irgendwie angenehm

Als die Jugend schon bald nach Aufstellungsbeginn den Raum verlassen möchte und mit niemandem etwas zu tun haben will, löst das bei Spielern und Zuschauern Betroffenheit aus. Doch dann kommt sie wieder zurück. Interessanterweise finden alle Akteure die Nähe zum Gemeinwohl irgendwie angenehm. Doch so richtig gut geht es immer noch keinem. Gegen Ende kommt dann Bewegung ins Setting: Wirtschaft und Politik finden ihre neue Rolle erst, nachdem sie sich klein machen. Die ArbeitnehmerInnen kommen der isoliert dastehenden, unbeweglichen Wirtschaft zu Hilfe und übernehmen Verantwortung. Die Jugend und die Zivilgesellschaft finden zusammen.

Am Ende steht die Wirtschaft im Dienste der Gesellschaft und wird von der Bildung unterstützt. Die Politik lernt, dass es ihre Bestimmung ist, die Interessen des Volkes zu vertreten und dem Gemeinwohl zu dienen. Und sie erkennt, dass sie als Moderatorin benötigt wird, um den anderen Akteuren zu helfen, gemeinsam die Zukunft aktiv zu gestalten. Und wir alle gemeinsam haben verstanden, dass sehr viel mehr möglich ist, wenn wir alle in Bewegung kommen und nicht an tradierten Rollen oder Rollenzuschreibungen festhalten.

St. Virgil SalzburgDie Veranstaltung Andersorte endet am frühen Abend mit einer Podiumsdiskussion zwischen „echten“ Vertretern der Salzburger Zivilgesellschaft. Die Arbeiterkammer und die Wirtschaftskammer geraten in gewohnter Weise aneinander, und man fragt sich unwillkürlich, ob der Positionskrieg nun doch in eine weitere Runde geht? Beim Hinausgehen denke ich: Schade, dass nicht alle Podiumsmitglieder bei der Aufstellung dabei waren.

Andersorte, soviel ist auch klar, geht in eine weitere Runde. Und wir alle wissen ja jetzt, wie es auch anders gehen könnte:  Die Zivilgesellschaft und die Jugend nehmen sich an die Hand, die Politik vertritt das Interesse des Volkes und hat das Gemeinwohl im Sinn. Die Wirtschaft dient den Menschen, die sie deshalb auch freundlich in ihre Mitte nehmen, und sie wird von den ArbeitnehmerInnen dabei unterstützt, die wieder ihre Kraft finden, weil sie mehr Verantwortung übernehmen. Ist doch alles ganz einfach. Nicht?

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