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3. November 2015  /// Politik

Politik als angewandte Spiritualität ?

Politik ist normalerweise ein knallhartes Geschäft. Politiker klagen häufig über die Art und Weise, wie Mann und Frau in Parteien und in anderen politischen Gremien mit einander umgehen. Achtsamkeit, so handeln, dass niemand das Gesicht verliert, und dass die Tür offen bleibt, kann ein wichtiger Beitrag für eine bessere Politik und eine gute Zukunft sein, meint Astrid Rössler. Wir haben am Rande der Salzburger  Tagung „AndersOrte“ mit der grünen Politikerin gesprochen

N21: Sie haben von Politik als angewandter Spiritualität gesprochen. Wie meinen sie das?

Astrid Rössler: Für mich ist das naheliegend. Wenn man Spiritualität im ursprünglichen Sinn als das Lebendige, das Geistvolle und den Ursprung des Lebens und Zusammenlebens sieht, passt der Begriff für mich im Bezug auf politische Tätigkeiten.

Was ist Spiritualität?

Spiritus bedeutet: der Geist. Nicht abgehoben esoterisch oder theoretisierend, sondern im ursprünglichen Sinn. Auf das reduziert, was meiner Meinung nach auch Aufgabe politischer Tätigkeit ist: sich mit guten,  zukunftsfähigen Lebenskonzepten zu befassen, sich dafür verantwortlich zu fühlen und die entsprechenden Rahmenbedingungen und Wertediskussionen festzulegen. Das ist die Aufgabe politscher Entscheidungen.

Geht das mit Realpolitik zusammen?

Das geht sehr gut zusammen. In der eigenen Ressortarbeit, aber vor allem auch. was den politischen Stil und die Zusammenarbeit in einer Regierung betrifft. Das Thema Beteiligung als fortgeschrittenes Konzept und Gegensatz zu Ausgrenzung, war ja auch hier bei der Veranstaltung und andernorts Thema: Wohin führt Ausgrenzung? Ich glaube, dass das auch für die politische Debatte ein wichtiges Thema ist. Je mehr wir einzelne politische Akteure ausgrenzen, desto mehr driften wir auseinander. Politik sollte allen einen Platz geben. Platz geben bedeutet Zugehörigkeit und die Möglichkeit, gemeinsam und kooperativ Entscheidungen zu treffen.

Diesen Inklusionsgedanken habe ich bisher noch nie in einem Zusammenhang mit Politik gehört.

Wenn wir Inklusion und Respekt ernst meinen, müssen wir sie auch in alle Richtungen denken. Es ist eine Aufforderung, sich auch mit unbequemen Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Aber eben nicht in einer Form des ständigen Diffamierens und der Ausgrenzung, sondern in einer ernsthaften Form.

Gilt das auch für die FPÖ?

Das gilt natürlich auch für die FPÖ.

Passiert das hier?

Aus meiner Sicht schon. Im Salzburger Landtag herrscht ein sehr sachlicher und respektvoller Umgang miteinander. Keine Entgleisung auf persönlicher Ebene. Daran arbeiten wir. Politische Arbeit ist wesentlich mehr Beziehungsarbeit, als ich mir vorstellen konnte. Wenn dieser Boden gut aufbereitet ist, kann man darauf auch gute und fruchtbringende Sacharbeit leisten.

Wenn sie  in Deutschland die Aktivitäten der AfD und PEGIDA verfolgen, was geht ihnen dann durch den Kopf?

Es wäre vermessen, eine Empfehlung abzugeben. Wenn ich von den „Salzburger Verhältnissen“ spreche, habe ich das Glück, meine Impulse in einer überschaubaren Situation anwenden zu können. Ich würde mir nicht anmaßen, das auf andere Verhältnisse zu übertragen. Das ist sicher schwieriger, wenn in der Debatte oder durch Aktionen schon Grenzen überschritten wurden. Wenn solche  „Schmerzgrenzen“ überschritten sind, komme ich mit Konstruktivität und Respekt alleine nicht mehr aus. Dann braucht es andere Schritte. Rechtliche Schritte. Aber auch wenn Regeln verletzt wurden und es darum geht, das Recht zu schützen, muss das nicht zwangsläufig in einer abwertenden, diffamierenden, ausgrenzenden Art und Weise passieren; wie ich auch einem Straftäter in einem Verfahren nicht abwertend und diffamierend gegenüberstehen sollte.

Hat das etwas mit Scham und der Möglichkeit, das Gesicht wahren zu können, zu tun?

Es geht immer darum, anderen die Möglichkeit zu lassen, sich wieder  einbringen zu wollen. Wir müssen die Tür offen lassen und sie einladen, wieder an den gemeinsamen Tisch zurückzukehren. Das geht eben nur ohne Gesichtsverlust. Jede Kritik, auch wenn sie stark formuliert wird, muss die Möglichkeit offen halten, zusammenzufinden. Also: Hart zur Sache, weich zur Person.

Ich habe vorhin gehört, dass die Landtagsfraktionen die Art und Weise, wie Sie mit einander umgehen, zum Thema gemacht haben?

Ich bin eine Spät- und Quereinsteigerin in die Politik und habe diesen Umgang von Anfang an gepflegt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich nie persönlichen Angriffen ausgesetzt war. Ich habe zwei Untersuchungsausschüsse geleitet, war also in einer sehr exponierten und konfliktbehafteten Situation. Wie wir kommunizieren, hat Auswirkungen auf jeden Einzelnen und das ganze System.

Organisieren Sie für die Fraktionen Kommunikationstrainings?

Nein, so etwas gibt es nicht. Vielleicht eher so etwas wie gute Kommunikation als Prinzip der Regierungsarbeit. Als „Neulinge“ in der Salzburger Landesregierung erlauben wir Grünen es uns, die Kommunikation zu verstärken und uns als „Unerfahrene“ mehr Zeit für Gespräche zu nehmen. Das hat etwas von Entschleunigung und Reflexion bis hin zur Tatsache, dass es darum geht, Dinge auszudiskutieren, bis man eine Lösung findet, die alle gut mittragen können.

Wir können gemeinsam sehr viel Gutes bewirken. Auch mit Blick auf die „Leidensgeschichte“, die wir in Salzburg durchlebt haben, die zu dieser ganz neuen politischen Zusammensetzung geführt hat. Damit wollen wir respektvoll umgehen.

Astrid Rössler ist 1. Landeshauptmann-Stellvertreterin und Umweltjuristin. 2009 wurde sie in den Landtag gewählt. Nachdem die Grünen vier Jahre nur zwei Salzburger Landtagsabgeordnete stellten, sind sie seit 2013 mit sieben Abgeordneten im Landtag vertreten. Drei Grüne gehören der Salzburger Landesregierung an.

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